Wissenschaftspreis für Humangeographie, Berlin 2015

Wortlaut der Laudatio von Prof. Dr. Sebastian Lentz (Ifl Leipzig)

Es ist mir eine beson­de­re Ehre, Ihnen den jun­gen Kol­le­gen vor­stel­len zu dür­fen, dem die Jury der Voss-Stif­tung in die­sem Jahr den Preis für Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler in der Anthro­po­geo­gra­phie zuer­kannt hat. Mar­tin Mül­ler von der Uni­ver­si­tät Zürich, hat die­sen Preis aus meh­re­ren Grün­den ver­dient. Zunächst: Er betreibt For­schun­gen zur Stadt- und Regio­nal­for­schung sowie zu Gesell­schafts-Natur-Ver­hält­nis­sen mit poli­tisch-geo­gra­phi­schen und öko­no­mi­schen Ansät­zen bzw. Erkennt­nis­in­ter­es­sen. Er hat in Mün­chen und Cam­bridge stu­diert, bevor er an der Uni­ver­si­tät Frank­furt pro­mo­viert hat. Von Frank­furt aus ist er als Assi­stant Pro­fes­sor für Kul­tur, Insti­tu­tio­nen und Märk­te an die Uni­ver­si­tät St. Gal­len gegan­gen –und von dort vor zwei Jah­ren auf eine befris­te­te For­schungs­pro­fes­sur, wie schon erwähnt, an die Uni­ver­si­tät Zürich. Von den bei­den letz­ten Sta­tio­nen aus war er zudem als Visi­t­ing Fel­low an der Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na at Cha­pel Hill, an der Uni­ver­si­ty of Oxford – Christ Church Col­le­ge in Oxford und an der Uni­ver­si­ty of Bri­tish Colum­bia und dem Green Col­le­ge in Van­cou­ver. Da ist also eine bemer­kens­wer­te Inter­na­tio­na­li­tät sei­nes aka­de­mi­schen Wegs fest­zu­hal­ten.
Mar­tin Mül­ler publi­ziert sei­ne pro­jekt­be­zo­ge­nen For­schungs­er­geb­nis­se regel­mä­ßig in inter­na­tio­na­len begut­ach­te­ten Zeit­schrif­ten, inzwi­schen eine sehr beacht­li­che Zahl. Außer­dem betei­ligt er sich an inter­na­tio­na­len kon­zep­tio­nel­len oder metho­do­lo­gi­schen Dis­kus­sio­nen, wie sein Bei­trag zur Actor-Net­work-Theo­ry in Pro­gress in Human Geo­gra­phy zeigt. Dem Anlie­gen des Preisstif­ters Frith­jof Voss, Geo­gra­phie als eine mög­lichst ganz­heit­lich den­ken­de und zudem gesell­schafts­re­le­van­te Wis­sen­schaft zu ver­ste­hen, ent­spricht Mar­tin Mül­ler dar­über hin­aus beson­ders dadurch, dass er nicht nur in „unse­ren eige­nen“, d.h. wis­sen­schafts­in­ter­nen Medi­en publi­ziert, son­dern auch den Trans­fer in die brei­te­re Öffent­lich­keit pflegt, indem er regel­mä­ßig wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Bei­trä­ge für Qua­li­täts­pres­se, Rund­funk und Fern­se­hen ver­fasst.

Verwendung des Preisgeldes

Das Preis­geld möch­te ich ver­wen­den, um einen Trans­fer mei­ner For­schungs­re­sul­ta­te im The­men­feld Pla­nung und Aus­wir­kung von Groß­ver­an­stal­tun­gen in die Pra­xis zu ermög­li­chen. Groß­ver­an­stal­tun­gen wie die Olym­pi­schen Spie­le oder die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft gehö­ren zu den größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für die Stadt- und Regio­nal­pla­nung. Inner­halb weni­ger Jah­re ver­än­dern sie manch­mal die räum­li­che Struk­tur gan­zer Städ­te und füh­ren — durch die Kon­zen­tra­ti­on von Res­sour­cen — oft zu einer Pola­ri­sie­rung räum­li­cher Ent­wick­lung. Die­se unmit­tel­ba­re Raum­wirk­sam­keit macht Groß­ver­an­stal­tun­gen zu einem für die Geo­gra­phie prä­de­sti­nier­ten For­schungs­ge­gen­stand. Mil­li­ar­den­be­trä­ge müs­sen effi­zi­ent inves­tiert und ver­baut wer­den. Die zustän­di­gen Orga­ni­sa­tio­nen wach­sen in kur­zer Zeit von weni­gen Mit­ar­bei­tern auf oft­mals meh­re­re zehn­tau­send Beschäf­tig­te an. Die an der Pla­nung und Aus­rich­tung betei­lig­ten Akteu­re sind über die gan­ze Welt ver­streut und müs­sen über wei­te Distan­zen koor­di­niert wer­den. Es gilt, die Ansprü­che ver­schie­de­ner Inter­es­sens­grup­pen — von Bür­ge­rin­nen und Steu­er­zah­lern bis hin zu Sport­le­rin­nen und Funk­tio­nä­ren — zu berück­sich­ti­gen. Die glo­ba­le Medi­en­auf­merk­sam­keit ver­zeiht dabei kei­ne Fehl­trit­te.
Zu oft bewer­ben sich Städ­te und Län­der um Groß­ver­an­stal­tun­gen, ohne sich der Kos­ten und Risi­ken bewusst zu sein. In mei­ner For­schung habe ich ein “Mega-Event-Syn­drom” her­aus­ge­ar­bei­tet. Es umfasst sie­ben Pro­ble­me, mit denen sich Inter­es­sen­ten und Aus­rich­ter von Groß­ver­an­stal­tun­gen regel­mä­ßig kon­fron­tiert sehen — von Gen­tri­fi­zie­rung bis hin zur inef­fi­zi­en­ten Nut­zung inner­städ­ti­scher Flä­chen. Die von mir erar­bei­te­ten Lösungs­an­sät­ze möch­te ich mit dem Preis­geld in die öffent­li­che Dis­kus­si­on und in die Pra­xis ein­flie­ßen las­sen — unter ande­rem mit Hil­fe einer pro­fes­sio­nel­len Visua­li­sie­rung und der Aus­rich­tung eines Work­shops.

Prof. Dr. Martin Müller

Prof. Dr. Mar­tin Mül­ler

Insti­tut de Géo­gra­phie et Dura­bi­lité
Uni­ver­sité de Lau­sanne
1015 Lau­sanne | Switz­er­land
Email: martin.muller[at]unil.ch

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