Unter Leitung von Prof. Dr. Sebastian Kinder (Univ. Tübingen) bereiste der Freundeskreis der Frithjof-Voss-Stiftung im September 2024 die drei baltischen Staaten. Die aus 22 Personen bestehende Gruppe traf sich in Riga und fuhr von dort aus per Bus durch Lettland, Estland und Litauen, bis die Exkursion nach 3200 km wieder in Riga endete. Hier die wichtigsten Einsichten und Impressionen dieser faszinierenden Reise.

Inhalt
„Das“ Baltikum gibt es nicht
Bei Estland, Lettland und Litauen handelt es sich um drei Länder mit jeweils unterschiedlichen Sprachen, unterschiedlichen Religionen und nicht zuletzt unterschiedlichen historischen Prägungen durch verschiedene Großmächte (u.a. Deutscher Orden, Schweden, Russland, Polen) seit dem Mittelalter.
Während die Sprachen Lettlands und Litauens zur indogermanischen Sprachfamilie gehören, ist das Estnische eine finno-ugrische Sprache. Quer dazu steht, dass Estland und Lettland im 16. Jahrhundert zu den frühen protestantischen Ländern gehörten, während Litauen aufgrund seiner langen gemeinsamen Geschichte mit Polen katholisch geprägt ist.
Zudem haben verschiedene Großmächte unterschiedliche Spuren in den drei Ländern hinterlassen. Lettlands und Estlands mittelalterliche Geschichte verbindet sich mit dem Schwertbrüderorden bzw. dem Deutschen Orden und der deutschen Ostsiedlung, in deren Folge die deutsche Oberschicht jahrhundertelang das Stadtbürgertum und die Großgrundbesitzer darstellte. Hier sind die Deutsch-Balten beheimatet.
In Litauen hingegen musste der Deutsche Orden seine schwerste Niederlage hinnehmen, als er 1410 in der Schlacht bei Tannenberg von den vereinigten Litauern und Polen, die Ende des 14. Jahrhunderts eine Personalunion eingegangen waren, vernichtend geschlagen wurde. Das Großreich währte über 400 Jahre und reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Spuren der Hanse hingegen finden sich in allen drei Ländern, so in Tartu (Dorpat) und Reval (Tallinn)/Estland, in Riga/Lettland und Kaunas/Litauen, was sich nicht zuletzt in der Architektur zeigt.
Es wird daher schnell deutlich: Der Begriff „Baltikum“ täuscht eine einheitliche Region vor, die es so niemals gab und bis heute nicht gibt. Gleichwohl gibt es Verbindendes.



Urbanität und Natur
In allen drei Ländern findet sich der Dualismus von fast unberührter Natur und lebendiger Urbanität, von Tradition und Moderne. Das estnische Tallinn ist zwar die kleinste der drei Hauptstädte (ca. 450.000 Einw.), zeigt aber die größte wirtschaftliche Dynamik. Ursächlich dafür sind u. a. niedrige Steuersätze und ein hoher Digitalisierungsgrad. 2003 wurde hier die Software für den Messaging-Dienst „Skype“ entwickelt. Inzwischen haben sich etliche Unternehmen wie Nokia und Philips und der größte Bankensektor der baltischen Staaten angesiedelt.
Die lettische Hauptstadt Riga ist mit etwa 1 Mio. Einwohnern die größte Stadt des Baltikums und seine einzige Metropole. Die rechts der Daugava/Düna liegende heutige Altstadt wurde, wie Tallinn, über mehrere Jahrhunderte vor allem durch deutsche Kaufleute geprägt, was sich eindrucksvoll an den verschiedenen Baustilen von der Romanik bis zum Historismus ablesen lässt. Ein anderer Höhepunkt ist das Jugendstilviertel Alberta iela. Zugleich finden sich aber auch imposante Zeugnisse moderner Architektur.

Die litauische Hauptstadt Vilnius (570.000 Einw.) wurde als einzige der Hauptstädte nicht vom Deutschen Orden geprägt. Zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert war es Mittelpunkt des katholischen Großherzogtums Litauen. So dominiert in der 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten Altstadt, die auf etwa 2 km² 40 Kirchen beherbergt, der barocke Baustil.
Parallel zu den gepflegten Altstädten trifft man in allen drei Städten auch auf alte zentrumsnahe Industrieareale, die sich in Kreativviertel mit modernster Architektur verwandeln. In Tallinn steht dafür das Rotermanni Kvartal, in Vilnius das Künstlerviertel Užupis, beide mehr oder weniger mit dem Problem der Gentrifizierung konfrontiert.

Den lebendigen Städten stehen mehr oder weniger unberührte, von der Eiszeit geprägte und heutzutage durch 14 Nationalparks geschützte Landschaften gegenüber: 4400 km Ostseeküste, weite (Birken-)Wälder, Seenketten und Hügel, von Flüssen und Mooren durchzogene Flächen. Vor allem der estnische Staat widmet den Mooren hohe Aufmerksamkeit und versucht den Torfabbau in Grenzen zu halten, um die ökologische Funktion als Wasser- und Kohlenstoffspeicher nicht zu gefährden.
Ein anderes beeindruckendes Naturphänomen war die Kurische Nehrung, 98 km lang und gelegen zwischen dem russischen Oblast Kaliningrad und dem südlichen Teil Litauens. 46 km der Nehrung gehören zu Russland, 52 km zu Litauen. Hier gilt die Parnidis-Düne mit einer Höhe von über 50 m als eine der höchsten Wanderdünen Europas. In früheren Zeiten gingen von diesen Dünen existenzielle Gefahren aus. 14 Dörfer der Nehrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten verschüttet, einige davon mehrmals. Das Lied der politisch nicht unumstrittenen Agnes Miegel (1879–1964) „Die Frauen von Nidden“ legt davon auch literarisches Zeugnis ab. Heute ist man der Naturkatastrophe durch kleine Barrieren aus geflochtenen Zweigen einigermaßen Herr geworden.
Die Bedeutung des „Faktors Russland“
Mit einer Fläche von rund 175.000 km² sind die drei baltischen Staaten zusammen etwa halb so groß wie Deutschland und verfügen mit 6 Mio. Einwohnern nur über einen Bruchteil der deutschen. Diese beiden Faktoren, gepaart mit der (geostrategischen) Lage an der Ostsee, machten das Gebiet in der Geschichte immer wieder zur Beute ihrer Nachbarn, nicht zuletzt Russlands.
Erst 1918, mit der Niederlage Deutschlands, Österreich-Ungarns und Russlands in Folge des Ersten Weltkriegs, erhielten die früheren russischen Ostseeprovinzen Estland und Lettland sowie das zu jener Zeit ebenfalls zu Russland gehörende Litauen ihre Unabhängigkeit. In allen drei Ländern entstanden erstmals auf Verfassungen gründende Republiken. Diese Erfahrung ist im kollektiven Gedächtnis der drei Länder ebenso präsent wie der Überfall zunächst der deutschen Wehrmacht (1940) und dann der Roten Armee (1941) in Folge des Geheimen Zusatzabkommens des Hitler-Stalin-Paktes, die wechselnden Besatzungen während des Zweiten Weltkriegs sowie die sich anschließende und bis 1991 währende sowjetische Besatzungszeit. 1991 erklärten sich alle drei Länder zum zweiten Mal in ihrer Geschichte zu unabhängigen Staaten.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die russische Besetzung der Krim 2014 und der Überfall auf die Ukraine 2022 in allen drei Ländern Erinnerungen weckt und entsprechende Reaktionen auslöst, auch im Straßenbild. Immer wieder stößt man daher auf Zeichen der Solidarität mit der Ukraine.



Denn, wie sagte eine litauische Zeitzeugin: „Wir sind nicht ständig in Panik, aber wir wissen, was es bedeutet, unter den Russen zu leben.“ Der „Faktor Russland“ ist überall präsent. Bestärkt wird dieses Lebensgefühl russischer Bedrohung durch die Grenzziehungen. Litauen hat mit dem lediglich 91 km langen Suwałki-Korridor zu Polen als einziges Land eine direkte Landverbindung zu EU und NATO. Seine Grenze zum russischen Oblast Kaliningrad hingegen beträgt 227 km und zu Weißrussland 502 km. Lettland und Russland stoßen auf einer Länge von 284 km aufeinander, bei Estland beläuft sich die Strecke auf 294 km. Wo immer man ist: Russland ist nah!

Das betrifft auch die ethnische Verteilung. Laut statistischer Jahrbücher der drei Staaten gehören etwa 38 Prozent der lettischen, 31 Prozent der estnischen und 13 Prozent der litauischen Bevölkerung Minderheiten an, die russischsprachig sind. In manchen Städten, so wie in Narwa, gelegen im äußersten Nordosten Estlands, beträgt die Zahl der ausschließlich russischen sprechenden Menschen ca. 90 Prozent, in Riga sind es rund 40 Prozent. Sie wurden während der Sowjetzeit zum Teil in eigens erbauten Arbeitersiedlungen – so im estnischen Kivioli für den Ölschieferabbau – angesiedelt, sind bis heute weitgehend unter sich geblieben und konsumieren dementsprechend auch nur russischsprachige Medien und also russische Propaganda. Nun hat Lettland das Lettische zur einzigen Amtssprache erklärt und verpflichtende Sprachtests für die russischsprachige Bevölkerung eingeführt. Wer diese auch beim zweiten Mal nicht besteht, wird des Landes verwiesen – ein Vorhaben mit ungewissem Ausgang.
So nimmt es nicht Wunder, dass die drei Staaten aufgrund ihrer historischen Erfahrungen mit Russland sehr schnell nach Erlangung ihrer Unabhängigkeit 1991 den Weg in die EU und vor allem in die NATO suchten.

Auf dem NATO-Gipfel von Prag im Jahr 2002 zu Beitrittsverhandlungen eingeladen, erfolgte 2004 der Beitritt. Das war noch Jahre vor der widerrechtlichen Annexion der Krim (2014) und dem Überfall auf die Ukraine (2022) durch Russland. Neben anderen Staaten verstärkt seit 2024 vor allem Deutschland sein militärisches Engagement an der NATO-Ostflanke mit der Aufstellung einer neuen Brigade in Litauen, wo es bereits seit einigen Jahren als Rahmennation die Führung der multinationalen NATO-Battlegroup übernommen hat. Entsprechend besitzen die Deutschen in Litauen, aber auch in Estland und in Lettland, heutzutage einen guten Ruf, und allerorten stößt man auf das NATO-Symbol.

Volkslieder als Symbole nationaler Unabhängigkeit
Am Rande des Zentrums von Riga, am Anfang der Fußgängerzone, befindet sich ein 1935 eingeweihtes, knapp 43 m hohes Freiheitsdenkmal. Auf dem Granitobelisk steht eine kupferne Frau, über ihrem Kopf drei goldene Sterne als Symbol für die Einigkeit der lettischen Kulturregionen Kurland, Livland und Lettgallen. In unmittelbarer Nähe trifft man wohl nicht zufällig auf ein Denkmal und eine Freilichtausstellung über die „singende Revolution“ und den „baltischen Weg“, jene nationale Bewegung, mit der die Bevölkerung Estlands, Lettlands und Litauens zwischen 1987 und 1991 friedlich und gewaltlos für die Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion kämpfte, ihre bis dahin verbotenen Volkslieder und Nationalhymnen singend. Höhepunkt dieser Bewegung bildete am 23. August 1989, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Abkommens, eine ca. 650 km lange Menschenkette, bei der rund 2 Mio. Menschen von Tallinn/Estland über Riga/Lettland nach Vilnius/Litauen Hand in Hand standen und für ihre Freiheit demonstrierten.

Bei einer Gesamtbevölkerung von 7 Mio. Menschen war dies etwa jede/r zehnte Bürger/in. Es handelt sich um die längste bekannte Menschenkette der Geschichte. Dokumente zum Baltischen Weg wurden 2009 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.
Liederfeste als Ausdruck nationaler Selbstvergewisserung fanden im Baltikum bereits im 19. Jahrhundert statt. Erstmals 1869 in Dorpat (estnisch Tartu) organisiert, folgte Lettland 1873, und Litauen zog im Jahre 1924 nach. In diesen Kontext gehört in Lettland auch die große Verehrung Johann Gottfried Herders (1744–1803), dessen 280. Geburtstag in diesem Jahr öffentlich begangen wurde. Während seiner fünfjährigen Tätigkeit an der Domschule von Riga seit 1764 forschte er auch über lettische Volkslieder, übersetzte einige ins Deutsche und publizierte sie in seiner „Auswahl von Liedern aller Völker“ – zu einer Zeit, als das Lettische, wie die übrigen baltischen Sprachen, noch nicht als Kultursprache galt, keine Amtssprache war und die Oberschicht bis zur beginnenden Russifizierung Ende des 19. Jahrhunderts Deutsch sprach.


Spuren deutscher Vergangenheit
Will man den Beginn des deutschen Einflusses auf „das Baltikum“ personalisieren, dann steht am Anfang der aus Bremen stammende Missionsbischof Albert von Buxthoeven (1165–1229). 1201 bis 1229 Bischof von Riga, war er Wegbereiter des Schwertbrüderordens, der schließlich im Deutschen Orden aufgehen sollte. Zwischen 1230 und 1561, seiner endgültigen Auflösung, gehörten zum Deutschordensstaat auch Teile des heutigen Estlands und Lettlands. Mehr oder weniger parallel bestand zur selben Zeit die Hanse, die über Jahre hinweg Wirtschaft, Handel und Politik in Nordeuropa prägte und zu ihrer Blütezeit um 1400 den gesamten Ostseeraum beherrschte. Die deutsche Oberschicht, die im Gefolge der Ostsiedlung nach Estland und Lettland kam und bis ins 19. Jahrhundert wirtschaftlich und politisch tonangebend bleiben sollte, gründete bedeutende Städte, die sich oft der Hanse anschlossen, so z. B. Riga, Reval/Tallinn oder Dorpat/Tartu. So wurde die im Stil der Backsteingotik errichtete Johannis-Kirche in Tartu, 2024 europäische Kulturhauptstadt, von einem Lübecker Meister erbaut.



Spuren deutscher Vergangenheit in Litauen findet man vor allem im Memelland (litauisch: Klaipėdos kraštas), auch Klein-Litauen genannt, ursprünglich zu Preußen gehörend. Das Gebiet rechts der Memel musste Deutschland 1920 gemäß Versailler Vertrag ohne Volksabstimmung an die alliierten Mächte abtreten. Bis Anfang 1923 wurde es in Vertretung des Völkerbundes von Frankreich verwaltet, bis Litauen es annektierte. Größte Stadt war zu jener Zeit die Hafenstadt Memel (Klaipėda) an der Kurischen Nehrung mit 40.000 Einwohnern (1931: 11 Prozent Litauer). Im März 1939 nötigte der NS-Staat Litauen unter Kriegsandrohung, das Gebiet wieder an ihn abzutreten, sodass es erneut ein Teil Ostpreußens wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte das Memelland zur Litauischen SSR, aus der 1990 das wieder unabhängige Litauen hervorging.

Am Ännchen-Brunnen in Klaipėda singen Touristen häufig das Lied von Simon Dach (1605–1659) über „Ännchen von Tharau.“ Die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit und Kultur im Memelland wird aber auch vom Simon-Dach-Haus, dem Sitz des Vereins der Deutschen in Klaipėda, sowie vom 1992 für die deutschsprachige Minderheit gegründeten Hermann-Sundermann Gymnasium und vom Kulturzentrum Thomas Mann bewahrt. Gelegen in Nida auf der Kurischen Nehrung, wird im Sommerhaus von Thomas Mann ganzjährig ein hochkarätiges Kulturprogramm rund um das Werk des deutschen Literaten ausgerichtet. Darüber hinaus erfährt die preußische Königin Louise (1776–1810) hohe Wertschätzung, etwa durch einen nach ihr benannten Platz. Gemeinsam mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. kam sie auf der Flucht vor den Franzosen in den äußersten Osten Preußens. Memel war von Januar 1807 bis Januar 1808 preußische Residenzstadt.
Komplizierte Erinnerungskulturen
In Estland wurden nach nationalsozialistischen Angaben zwischen 921 und 963 einheimische Juden ermordet. Dort überlebte weniger als ein Dutzend den Holocaust. Darüber hinaus wurden landesweit in über zwanzig Konzentrations- und Arbeitslagern geschätzt 10.000 Juden aus allen Teilen Mittel- und Osteuropas ermordet. In Litauen fiel in Folge des deutschen Einmarsches 1941 fast die gesamte jüdische Bevölkerung (über 200.000 Menschen) dem Holocaust zum Opfer. Die lettischen Juden hatten zwei Vernichtungswellen zu erleiden: Im Juli 1940, nach dem Einmarsch der Roten Armee, wurden 19.000 Letten in den sibirischen Osten deportiert, von denen etwa 5000 der jüdischen Bevölkerung angehörten. Mitte 1941, mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, erfolgte die Besetzung durch die Wehrmacht. Zwar hatten noch ca. 15.000 Juden in die unbesetzte Sowjetunion fliehen können, aber 70.000 mussten im Land verbleiben, mehr als 90 Prozent von ihnen wurden ermordet. Hinzu kamen 20.000 Juden, die aus dem Deutschen Reich und den besetzten Gebieten ins Land deportiert worden waren. Von ihnen überlebten etwa 1000 Menschen. Auch die knapp 4000 Roma Lettlands wurden nahezu vollständig ermordet.

Die Erinnerung an den Holocaust ist in allen drei Staaten präsent, unterscheidet sich jedoch voneinander, je nachdem, ob es sich bei den Tätern um Einheimische, Deutsche oder Sowjets handelte. Vor allem in Lettland ist das Problem der Kollaboration bis heute nicht richtig aufgearbeitet worden. So gehörten etwa 80.000 Letten der lettischen SS-Legion an, weitere 30.000 wurden in der lettischen Polizei eingesetzt. Beide Gruppen waren an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt. Zugleich waren viele Täter aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs später im nationalen Widerstand gegen die sowjetische Fremdherrschaft aktiv.
Anders verhält es sich mit der Erinnerung an die durch die Rote Armee und die während der sowjetischen Besatzungszeit Deportierten und Ermordeten. Während der sowjetischen Herrschaft wurden etwa 63.000 Litauerinnen und Litauer wegen antikommunistischen Verhaltens nach Sibirien deportiert. Seit dem Überfall auf die Ukraine erhalten diese Denkmäler neue Aufmerksamkeit und Aktualität. Im Zentrum von Riga erinnert ein 2015 erstelltes Denkmal an die im Januar 1991 gefallenen unbewaffneten Männer, die im Unabhängigkeitskampf gegen die von Gorbatschow in Marsch gesetzten sowjetischen Truppen gefallen sind.

Das Erbe des sozialistischen Städtebaus
Während die Denkmäler der Sowjetzeit weitgehend geschleift sind, finden sich im Städtebau nach wie vor Zeichen des Stalinismus. Dazu gehört etwa die estnische Planstadt Sillamäe. In den 1950er-Jahren aus dem Boden gestampft, wurden hier ca. 20.000 Beschäftigte für die Urananreicherung in der Atomindustrie angesiedelt. Als sogenannte „verbotene Stadt“ war sie hermetisch abgeriegelt und auf keiner Landkarte zu finden. Zugleich ist sie ein beeindruckendes Beispiel für den sowjetischen Neoklassizismus und verfügt durch ihre großzügige Anlage am Finnischen Meerbusen über das Flair eines Kurortes. (Es stellt sich die Frage: ist stalinistische Architektur schützenswert?) Das Problem: Direkt an der Küste wurde ein gewaltiges Speicherbecken für das kontaminierte Wasser angelegt. Dieses wurde zwar 2008 mit einer Spezialfolie versiegelt. Aber ist das Problem damit nachhaltig gelöst?
Eine andere sozialistische Planstadt ist Visaginas, das 1975 für die Beschäftigten im 40 km entfernten Kernkraftwerk Ignalina gebaut wurde – auch hier mit vielen Grünanlagen und gut ausgebauter Infrastruktur. Das Kraftwerk vom Typ Tschernobyl sollte ursprünglich aus vier Blöcken bestehen. Nach dem Bau des zweiten Blocks setzte jedoch die lettische Unabhängigkeitsbewegung einen Baustopp durch. 2012 wurde die Anlage geschlossen und wird seitdem zurückgebaut.
Es fehlt noch der Dank an Prof. Dr. Kinder für diese sehr intensive und lehrreiche Exkursion, und an den Busfahrer und deutschen Reiseunternehmer der Firma BaltTours in Neringa/Litauen, Manfred Wagener. Beiden gelang es, ihre Faszination für das Baltikum weiterzugeben.


