Der große Ozean – nach 34 Tagen von Chile endlich im Südseeparadies angekommen (Papeete, Tahiti) – eine lange Segelreise unter südlichem Sternenhimmel – Erholung pur in der Südsee
Ihr Lieben,
unser jetziger Ankerplatz ist nur 4 sm von der Hauptstadt Papeete entfernt. Wir können mit interessanten Bussen, LKWs mit seitlichen Sitzbänken und natürlicher Frischluftzufuhr, aber überdacht, “le truck“ genannt, bequem in die Stadt fahren. Schmeichelnde Südseesongs berieseln den Fahrgast. Diese Go-Slow-Mentalität der Einheimischen hat ihren beruhigenden Reiz auf unser Gemüt ausgeübt; auch die Musik. Die sorglosen und immer vergnügten Menschen verbreiten eine außerordentlich freundliche und freudige Atmosphäre. Alle haben zumindest eine Blüte hinter dem Ohr oder einen Blumenkranz im Haar, ob alt oder jung, ob Mann oder Frau. – Noch sind die Palmen höher als die Häuser und die Strände und Buchten menschenleer. Wer Robinson-Einsamkeit sucht, findet mit Sicherheit hier sein Paradies. Nur die Geldbörse sollte gut gefüllt mitgenommen werden; denn die Insulaner haben schnell – wie überall – gelernt, liebenswürdig lächelnd den Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Preise sind astronomisch!
Wir genießen das glasklare Wasser und finden endlich Zeit, uns zu erholen. Schnorcheln ist angesagt. Nicht weit vom Riff haben wir Anker gesteckt, so dass die Möglichkeit, bunte Fische zu beobachten und durch bizarre Korallenstöcke zu schnorcheln, jederzeit gegeben ist. Die Temperaturen sind himmlisch und nicht weit rascheln Palmwipfel träge in einer sanften Meeresbrise. Am Rande dieser türkis-farbenen Lagune schäumt weiß die Brandung gegen das Riff. Dahinter, stahlblau und ohne Ende: der Pazifik. Das große Meer, das uns 39 Tage einen endlosen Horizont geboten hat. Nun erleben wir vom Schiff aus landeskundliches lifeseeing. Wir fahren an Land, wenn der Abend mit seinem kühlenden Windhauch Erfrischung bringt. Pünktlich um sieben verabschiedet sich die Sonne verschwenderisch hinter den Schaumkronen des Riffs. Kurz nach Sonnenuntergang erscheint das “Kreuz des Südens“ am Himmel, ein Sternbild, das mir schon auf dem Seetörn um Südamerika und nun nach Polynesien genau die Zeit ansagte, wann Peters Wache begann. – Die Uhr blieb nur noch navigatorische Notwendigkeit.
Bevor wir am 25.5.1988, abends, 2 sm vom Hafen Papeete entfernt durch das Riff in unsere zweite Lagune segelten, erreichte uns der blütenschwere Duft der Insel schon meilenweit vorher. Dieser Duft und der Sonnenuntergang über Moorea, der Nachbarinsel, boten uns ihr la Orana – Willkommen – dar. Fasziniert vom Lichterglanz und dem bergigen Land, das wir bei fast Vollmond erblickten, saßen wir noch lange im Cockpit und ließen den Spalt Südsee-Paradies auf uns wirken.
An diesem Abend zogen im Gespräch noch einmal der lange Seeweg an uns vorbei und natürlich der Abschied von Arica am 14. April. Wenn wir unseren Ausreisetag für den 4760 sm langen Törn nach Tahiti am 13. April um eine Bauernnacht hinausschieben mussten, dann nur, weil die Herren vom Zoll auf ein Telex aus Punta Arenas warteten, das wichtige Daten über “Do mi nix“s Einreise in Chile melden sollte.
Mañana, pünktlich hievte ich am 14.3. um 8.00 Uhr mit Unterstützung des Präsidenten Emilio (63) den Buganker. Der Chef des Segelclubs erschien mit warmen Brötchen und viel Brot, um sich mit diesen Leckereien von uns zu verabschieden. Peco, der Bootsfahrer vom Club, nahm mit Peter den Heckanker auf. Nachdem die letzten Tampen eingeholt waren, überreichte er uns seinen nächtlichen Fischfang: 4 stattliche Außenbordskameraden. Von beiden einen letzten Händedruck und ihr “suerte“, Glück, blieb mir die ganze Reise im Ohr hängen.
Der Pazifik nahm uns auf. Die lang gezogene Dünung aus dem Süden hob und senkte unser Schiff gleichmäßig und sanft. Ab Mittag wehte der Passat bei schönstem Wetter, und als die beiden mittleren Genoas (75 m2) als Passatsegel ausgestellt standen, übernahm Freund “Aries“ das Rudergehen und hielt steady Kurs West. Uns beiden blieb von Stund’ an die Gegenwart mit ihren jeweils wechselnden Anforderungen, abgestellt auf den Wind, der auf dem Großen Ozean seine Richtung und Stärke ab und zu änderte.
Die Tage und Nächte vergingen schnell, doch niemals gleich. Im Cockpit sitzen und den Ablauf des Tages erleben, erfüllte uns mit Zufriedenheit. Nach der Gemeinsamkeit des Tages kam die Nacht mit ihrem 3-Stunden-Rhythmus-Wachegehen. Die Sternenbilder der südlichen Halbkugel wurden immer vertrauter, und die Lichtjahre ihrer Entfernung erschreckten nicht, sondern zeigten mir meine und Peters winzige Existenz im endlosen Ozean auf. Trotz der Einsamkeit fühlten wir uns den Menschen näher als irgendwann vorher. In der nachmittäglichen Plauderstunde holten wir uns unsere liebsten Menschen dazu und ließen Erinnerungen aufleben.
Südamerika, vom Treck der vielen Segler Gott sei Dank noch nicht entdeckt, bot uns Unvergessenes. Es wird sicher auf dem Weg West nicht zu überbieten sein. Unser Dank ging noch einmal zurück, bevor wir uns in das Abenteuer Südseeparadies stürzten.
Wir dachten auch an den Freudentag, als wir nach 37 Seetagen die Koralleninsel Makemo in dem Tuamotu-Archipel erreichten. Die polynesischen Laute, Ia Orana, kamen nicht von einem Einheimischen, sondern 2 Single-Hand-Seglern aus Schweden; Anders und Thomas begrüßten uns mit diesen Worten. Mit Bier, Wein und Erdofenbrot feierten sie mit uns unsere Ankunft in Polynesien.
So unkompliziert, wie sich die Menschen in der Südsee geben, so waren die Yachties, denen wir begegnet sind. Vorname genügt. Klopfen an die Bordwand, wenn einem nach Gesellschaft ist. Über die Buschtrommel werden Nachrichten weitergegeben. So uns in Papeete, dass Tee und Roy von der “Foxglove“ in San Francisco angekommen sind und die Holländer, Aas und Hella von der “Helena Christina“, hier waren und nach Tonga unterwegs sind. Unser Asado-Spezialist Walter ist an der Südspitze Amerikas umgedreht, weil er Sehnsucht nach Hamburg hatte.
Auch ich habe manchmal Sehnsucht nach Euch allen und Holtenau, doch der Reiz der vor uns liegenden paradiesischen Inseln treibt mich weiter in die Richtung West.
Aus dem Bordbuch von Peter:
„Wir segelten im Passatgebiet und hatten folgende Windrichtungen:
E – SE = 22 Tage
NE = 2 Tage
N → W → SW = 3 Tage
S = 7 Tage
bis Makemo Stille = 3 Tage (ganz, ganz schrecklich)
Die Windstärken beliefen sich zwischen 0 – 8 Bft., wobei 80 % zwischen
3 – 5 Bft. lagen. Zu 75 % hatten wir leichte Passatbewölkung. Abends, nach Dunkelwerden, gab es häufig einige Schauer und Böen. Regnerisch war es nur 2 Tage. Die See lief meistens aus SE-licher Richtung, dadurch entstand bei Winddrehungen sehr kappeliger Seegang.
Die Solarplatten waren jeden Tag an Deck. Die Sonnenenergie hat uns sehr geholfen, reichte aber nicht ganz aus, um den Strombedarf zu decken. Jeden 3. Tag lief der Motor für eine ½ Stunde zur Stromgewinnung und zum Durchschmieren. Unser Wassertank war nach 30 Tagen sparsamem Verbrauch leer. Wir haben dann unsere 120 l Reserve angreifen müssen. Insgesamt kamen wir aber gut damit aus. Gewaschen wurde sich an Deck nur mit Salzwasser.
Gesegelt haben wir mit allen Arten der Besegelung, die “Do mi nix“ zu bieten hat. Vom 3x gerefften Großsegel mit Fock bis zum nach beiden Seiten ausgebaumten Booster (130 m2). Am meisten segelten wir mit Passatbesegelung, wobei wir die beiden mittleren Genoas nach jeder Seite ausbaumten. Die Segel und das laufende Gut wurden täglich auf Schäden untersucht, um plötzlich auftretendes Reißen oder Brechen vorzubeugen. Wir sind gut damit gefahren.
Am 28. April steht im Logbuch: Elke ist heute 50 Jahre jung. Die gesamte Besatzung gratuliert ganz herzlich. Wir wünschen dem Geburtstagskind viel Glück für die zweite Hälfte des Lebens. Auch der Himmel ist ihr wohl gesonnen und hat mit einem kräftigen E-Wind alle Wolken weggefegt. Alle Sterne leuchten nur für sie.“
Logge: 1700 sm, Breite: 18°08`S, Länge: 100°02`W, 1 Stunde die Uhr zurückgestellt. Ich hatte 25 Stunden Geburtstag.
Unsere Aries-Windsteuerung arbeitete immer zu unserer Zufriedenheit. Eine große Entlastung. Keine Probleme hatten wir mit unserem Proviant. Brot wurde täglich gebacken. Unser Vorrat reicht noch länger.
Eine kleine Operation – Abszess am Zahnfleisch, wurde mit Bordmitteln, vom Skipper, erfolgreich bei mir durchgeführt.