Von Gran Canaria an den Capverdischen Inseln vorbei nach Brasilien Nach 24 Segeltagen am 4. November 1987 vor Anker in Salvador/Brasilien – Von der absoluten Einsamkeit zurück in die Hektik des 20. Jahrhunderts – Elke wird am Äquator von Neptun getauft -zwei Schiffsbegegnungen
6.11.1987 Auf See, kurz vor Salvador
Ihr Lieben,
am 4. November 1987, fast Mitternacht, steckten wir nach 24 Segeltagen Anker auf der Reede von Salvador/Brasilien. Die Geisterstunde erlebten wir schon im Traum. Nur aus tiefen Träumen schreckten wir für kurze Zeit auf, um pflichtgemäß unsere Wache anzutreten, fielen dann von dem Umstand der Ruhe und des Friedens auf “Dominix“ in einen noch tieferen, erholsameren Schlaf. Als am nächsten Tag schon wieder Siesta war, stiegen wir beide benommen aus unserer Koje, nahmen einen Rundumblick, der uns vergewisserte, wir haben Palmen, weißen Strand…. und eine Riesenstadt erreicht. Von der absoluten Einsamkeit zurück in die Hektik des 20. Jahrhunderts. Bevor aber die Zivilisation uns erreicht, werde ich Euch kleine Auszüge aus unserem Tagebuch geben, die ausnahmslos von Peter kommen. Meine Empfindungen und Eindrücke habe ich in meinem Gehirn archiviert, und es braucht noch etwas Zeit, bevor ich die Erlebnisse dieser Segelwochen zu Papier bringe.
15.10.1987, 20.00 Uhr, Logge 554, Baro: 760 mm Wind NE 3, Krw. 220° 21.00 Uhr. Der Mond ist aufgegangen. Er ist nicht mehr ganz halb und liegt auf dem Rücken, da die Sonne ihn von unten anstrahlt. Jupiter ist im Zenit, und das schöne Sternenbild Orion steht halb hoch im Osten. Sirius, der Klarste und Schönste aller Fixsterne, ist 20° über dem Horizont im Osten. Über uns zieht sich wie ein Schleier die Milchstraße mit ihren Tausenden von Sternchen hin. Kassiopeia steht hier im Norden. Das Sternenbild sieht man in Kiel immer im Süden. Hier sieht es aus wie ein umgefallenes W. Es ist eine zauberhafte Nacht. Stundenlang kann man draußen seine Beobachtungen anstellen, und das bei Temperaturen zwischen 25 und 30° C. Der Passat weht konstant aus NE. Das Wasser phosphorisiert. Es sieht aus, als ob viele kleine Glühwürmchen auf der Oberfläche herumtanzen. Das sind wohl auch die vielen fliegenden Fische, die, durch uns aufgescheucht, zur Seite flitzen. Am Tage sehen sie aus wie große Libellen, die von Welle zu Welle hüpfen. Dann glitzern ihre Flügel bläulich-silbern in der Sonne. In diesen Nächten wird einem besonders die große Weite der Meere bewusst. Do mi nix, Elke und ich ganz allein, umgeben von Wasser und Wellen und diesem gigantischen Himmel. Fern von der Hektik und den Menschenmassen der Großstädte. Es ist wunderbar. Zu dieser Nacht gehören auch die Geräusche um uns herum: Das leise Knarren und Quietschen in der Takelage. Das Glucksen in den Abflussrohren des Schiffes. Das immer verschiedene Rauschen des Wassers. Das alles gehört zusammen und bildet eine für uns einmalige Harmonie.
23.00 Uhr, Logge 569, Baro: 760 mm, Wind NE 3, Krw. 220°,
keine Vorkommnisse. (Wachwechsel)
17.10.1987, 0.00 Uhr.
Es ist etwas ruhiger geworden. Der Passat, der den ganzen gestrigen Tag mit 6 Bft. geweht hat, ist auf Stärke 4 abgeflaut. Dieser meist konstante Wind begleitet uns jetzt schon seit Gran Canaria. Wir segeln unter diesen Bedingungen mit den zwei ausgebaumten mittleren Genoas und haben so eine Segelfläche von ca. 75 m2. Unsere Geschwindigkeit beträgt dabei zwischen 5 und 7 kn. Es ist doch faszinierend, wenn man daran denkt, wie weit diese Luftmassen über die Meere ziehen. Vom großen Azorenhoch mitten auf dem Atlantik erzeugt, hat der Wind uns schon an der portugiesischen Küste als “Norder“ vorangetrieben, und hier zieht er weiter quer über den Atlantik. Die Wassermassen wurden von ihm mitgezogen bis in den Golf von Mexiko hinein, wo dann der Golfstrom entsteht und auch noch unser Wetter in Deutschland mitbestimmt. Jetzt nähern wir uns den Cabo Verdes. Auf diesen Inseln soll es seit 20 Jahren nicht mehr geregnet haben. Die Menschen dort sind sehr arm. Viele Steine gab es und wenig Brot. Wir haben beschlossen, die Inseln nicht anzulaufen, sondern gleich weiter nach Brasilien zu segeln.
Mittwoch, 21.10., Mittagsposition: Lat. 7° 54 N, Long. 26° 17 W, 20.00 Uhr, Logge 1442, Baro 755 mm, Wind O, Krw. 180°.
Es ist eine dunkle Nacht. Der Himmel ist mit Regenwolken bedeckt. Von unseren ständigen Begleitern, den vielen Sternen und Delphinen, ist heute nichts zu sehen. Wir motoren. Segeln ist in dieser Flaute unmöglich. Die Doldrums kündigen sich an. Bis um 7.00 Uhr heute morgen blieb uns der Passat noch treu, dann aber war Schluss. Wir liefen in den äquatorialen Kalmengürtel ein. Es fing damit an, dass der Wind etwas stärker wurde und ein heftiger Regenschauer auf uns niederprasselte. Dann ging der Wind ganz weg, aber die nächste dunkle Regenwolke war schon zu sehen. Wir hatten Groß und 2. Genoa stehen. Es fing wieder an zu regnen. Elke und ich hatten Seife und Schrubber in der Hand, um uns und das Schiff mit dem Regenwasser abzuwaschen. Als wir mitten in dieser Beschäftigung waren, wurde der Wind immer stärker und die Wasserpartikel auf den Wellenbergen fingen an zu fliegen. Aries konnte nicht mehr Kurs halten, die Segel fingen an zu killen. Unsere Körper waren noch voller Seifenschaum, als wir schnell an die Fallen flitzten, um die Segel zu bergen. Als wir alles festgezurrt hatten und nun vor Topp und Takel dahintrieben, war unsere Seife abgespült und der ganze Spuk war genauso schnell vorbei, wie er gekommen war. Der Wind wehte wieder mit Stärke 4 aus dem Osten. Wir setzten Segel. Es dauerte nicht sehr lange, dann flaute es wieder ab. So wechselte es den ganzen Tag von einem zum anderen.
Die Doldrums sind für Segler wirklich kein Vergnügen. Die alten Windjammersailors auf ihren Schiffen haben hier bei Hartbrot und Salzfleisch manchmal Wochen rumgetrieben. Sie hatten noch keinen Diesel.
22.00 Uhr, Motor Stopp. Segel gesetzt. Genoa 1 und Groß, Logge 1450, Wind SW 2-3, Baro 756 mm. 24.10.1987, Sonnabend, 02.00 Uhr, Logge 1791, Krw. 240°, Baro 754 mm, Wind S 4.
Kreuzen gegen den S-Wind an. Sind auf BB-Bug gegangen, damit wir nicht zu weit nach Westen kommen. Es segelt sich aber ungemütlich. Die See kommt mehr von vorne. Ein Regenschauer nach dem anderen prasselt auf uns nieder. Noch haben wir die Doldrums nicht überwunden. Wenn die Sicht wegen Regen zu schlecht wird, stellen wir uns das Radar an. Die Aries ist ein zuverlässiger Helfer. Haben gerefft, wegen starken Anluvens.
27.10.1987, Dienstag, Mittagsposition: Lat. 00°15 N, Long. 29°04 W
14.00 Uhr, Logge 2372, Baro 753 mm, Wind SE 4-5, Krw. 190° 14.15 Uhr, 1 Reff eingelegt 15.30 Uhr, Elke Timm wird von Neptun und seinen Helfern getauft.
Vorher vom Dreck der Nordhalbkugel befreit. Logge 2379, passieren 0 Breite bei 29°06 W
21.00 Uhr: Eine schöne klare Sternennacht mit dem zunehmenden Mond, der uns den ersten Teil der Wache erhellt, begleiten uns auf unserer Fahrt nach Süden. Es weht ein gleichmäßiger SE-Wind, der uns gut voranbringt. Wir haben die neue Hüpferli-Genoa und das Groß mit einem Reff gesetzt und segeln hoch am Wind. Übrigens haben sich alle Sachen, die der Strander Segelmacher gearbeitet hat, als sehr gut gezeigt. Wir sind jetzt schon 16 Tage auf See und haben seit 5 Tagen kein Schiff mehr gesehen. Es ist, als ob der Atlantik uns alleine gehöre.
Täglich müssen Arbeiten verrichtet werden, mit denen man nicht gerechnet hat. Nur die Schaukelei macht Reparaturarbeiten oft beschwerlich. Gestern wollte ich unsere Schleppangel ausbringen, wobei sich ein Angelhaken an der Selbststeuerung verhakte. Blitzschnell erfasste Elke die Situation. Sie kletterte auf die Badeleiter, saß da drauf wie ein Klammeraffe und klarierte die Angel. Sie ist ein Schatz. Heute wurde sie am Äquator von Neptun getauft. Vorher musste der Täufling noch einige Übungen absolvieren, ohne die man auf der südlichen Halbkugel nicht aufgenommen wird. Ganz tief über Deck war ein Tampen angebracht, unter dem sie durchrobben musste, um die letzte Grenze des Nordens zu passieren. Dann kam sie in die Waschanlage, wo man von dem letzten Dreck des Nordens befreit wurde. Mindestens 5 Eimer “Blauwasser“ mussten dabei über den ganzen Körper ausgegossen werden. Danach war ein hoher Tampen an Deck gespannt, über den Elke rüber musste, um die Grenzmauer zur südlichen Halbkugel zu überklettern. Als letztes wurde ihr dann zur inneren Reinigung drin ein “Drink“ überreicht, der aus allen im Anbruch befindlichen Getränken an Bord bestand (Cocktail á la Dominix). Das Finale war dann die Überreichung der Taufurkunde mit der Unterschrift von Neptun, seiner Frau und Rasmus mit seinen 735 Kindern als Zeugen. Elke wurde danach immer lustiger und verlangte nach mehr “Drinks“.
23.00 Uhr, Logge 2415, Baro 756 mm, Wind SE 4, Krw. 195°
29. Oktober 1987, Donnerstag, 20.00 Uhr, Logge 2640, Baro 755 mm, Wind SE 4, Krw. 212° 21.00 Uhr, Über uns wölbt sich ein wunderschöner Sternenhimmel mit dem Halbmond, der uns die Nacht erhellt. Die Luft ist klar und kühl. Wir sind endgültig aus dem äquatorialen Regen- und Stillgebiet heraus.
Ich habe die Wache von 20.00 Uhr bis 23.00 Uhr und somit auch unsere Hundewache von 2.00 Uhr bis 5.00 Uhr. Elke muss morgen früh Frühstück machen, weil sie die 5-8-Uhr-Wache geht. Abends kann derjenige von uns, der das Frühstück nicht machen muss, Bestellungen dafür aufgeben. Ich habe mir Kaffee und 3 Stücke Toast bestellt: eines mit Erdbeermarmelade, eines mit Salami und eines mit Käse. Ich freue mich schon darauf. Wenn ich gefrühstückt habe, sorge ich erst einmal dafür, dass die Solarplatten auf das Achterdeck kommen. Die Stromerzeugung ist wichtig; besonders für unsere Kühltruhe/Kühlschrank. Beide, die Solarzellen sowohl als auch die Kühlanlage, haben sich gut bewährt. Um 9.00 Uhr herum machen wir unsere ersten astronomischen Beobachtungen. Unabhängig voneinander macht eine Elke und eine ich. Wenn sie nicht übereinstimmen, wird noch eine dazu gemacht. Gemeinsam messen wir dann mittags die Höhe der Sonne, um die Breite zu errechnen. Nachmittags wird dann noch eine Beobachtung dazu gemacht.
Wir leben übrigens sehr gut an Bord. Elkes Küche ist ausgezeichnet. Mittags essen wir nur eine Kleinigkeit wie z. B. Käse mit gekühlter Melone oder Würstchen von Aldi mit Toast. Nachmittags gibt es Kaffee mit 3 dänischen Butterkeksen und abends kommt das Hauptgericht. Heute gab es Pfingstessen: Spargel und Schinken mit Salzkartoffeln und dazu ein kühles “Blondes“. So, das war heute mal etwas aus dem Alltag. Unsere ständigen nächtlichen Begleiter sind auch wieder da. Orion kommt im Osten gerade über den Horizont, und Jupiter nähert sich dem Zenit. 22.30 Uhr: Eben sah ich eine Sternschnuppe, die hell am Rande unserer Atmosphäre verglühte. Einige Delphine begleiten uns wieder. Diese Gesellen machen sich durch Laute bemerkbar. Sie pusten und schnaufen. Es sind schon lustige Tiere.
23.00 Uhr, Logge 2658, Baro: 755 mm, Wind SE 3-4, Krw. 212°
29. Oktober 1987, Donnerstag, 20.00 Uhr, Logge 2640, Baro: 754 mm, Wind SE 3-4, Krw. 212° 20.00 Uhr nehmen die Stagfock weg.
Der Wind weht gleichmäßig aus Südost, und der Seegang aus gleicher Richtung hält sich in Grenzen. Im Großen und Ganzen muss man sagen, dass wir recht gut durch die Doldrums gekommen sind. Morgen passieren wir ca. 40 sm östlich die Atlantikinsel “Fernando de Noronha“, und dann nähern wir uns mehr und mehr der brasilianischen Küste. Vor einigen Nächten war es an Bord noch so feucht und warm, dass wir nur sehr schlecht schlafen konnten. Obwohl in der Koje nicht zugedeckt und ohne Schlafanzug, lief einem der Schweiß so vom Körper. Dazu kam eine unangenehme durcheinander laufende See, gegen die wir, wenn Wind war, gegenanballern mussten. Am Tage war es zwar bedeckt, und es regnete viel, aber im Schiff war es sehr warm, zumal wir Lüftungen und Luken nicht offen fahren konnten. Wir waren uns einig: Die Sauna zuhause ist erträglicher. Daher war es besonders bewundernswert, dass Elke dabei noch am heißen Herd stand und kochte. Ihr Essen blieb, wie immer, hervorragend.
Das alles ist schnell vergessen, wenn man durch ein Wetter wie jetzt entschädigt wird. – Heute hat Elke wieder Brot gebacken. Frisches Brot von Gran Canaria haben wir schon lange nicht mehr. Aber das Brot, das Elke im Petroleumherd backt, ersetzt alles Dagewesene. Der Bäcker Schrum in Holtenau würde sein Brot nicht mehr verkaufen mögen, wenn er das schmecken könnte. –
Eben klatschte wieder ein fliegender Fisch an Deck. Er war so groß wie ein normaler Hering. Ich habe ihn, trotzdem ich Appetit auf ihn hatte, seinem Element wieder übergeben.
23.00 Uhr, Logge 2658, Baro: 755 mm, Wind SE 3-4, Krw. 212°
30. Oktober, Freitag 14.30 Uhr: Ein Frachter 0,5 sm auf Gegenkurs nimmt Kontakt mit uns auf. Nettes Gespräch. Schiff geht nach Rostock mit Sojabohnen. Er muss den Weg um Skagen nehmen, weil sein Tiefgang zu groß für den NO-Kanal ist. Alle Toiletten sind auf dem Schiff kaputt und sie nehmen – wie zu Kolumbus‘ Zeiten – die Schlagpütz. Logge 2831.
3. November, Dienstag, 20.00 Uhr, Logge 3038, Baro: 757, Wind SE 4-5,
Krw. 228° 21.00 Uhr: Wir sind jetzt 23 Tage auf See und fast am Ziel.
Morgen gegen Abend sollten wir in Salvador einlaufen, wenn nicht alles schief geht. Die letzten Tage waren richtig stressig. Der Wind tat nie das, was er sollte, und den Strom hatten wir auch teilweise gegen an. Unsere Schwielen auf dem Hintern werden immer dicker. Der unregelmäßige Schlaf, die starken Schiffsbewegungen, die Wärme machten uns zu schaffen. Heute haben wir bei gutem Wind ca. 6 kn im Durchschnitt gelaufen. Das tat richtig gut und treibt die Stimmung an Bord hoch. Ich genieße den schönen Abend. “Kuddel“ ist wieder ganz schön groß geworden. Er begleitet uns fast schon die ganze Nacht. Jupiter ist weit im Norden zu sehen, und Orion steht sehr hoch, aber auch schon im Norden. Gegen Morgen kommt auch schon kurz das Kreuz des Südens über die Kimm. Ein großer Schwarm Delphine war bei uns. Lebenslustig tobten sie sich dicht an unserer Bordwand aus. Jetzt dreht der Wind vorlicher, genau das, was er nicht soll.
23.00 Uhr, Logge 3051, Baro 757 mm,
Salvador 23.15 Uhr, Logge 3173 sm