Abb. 1: Dat Schipp – die Moody-Segelyacht „Dominix“Abb. 2: Die CrewAbb. 3: Die Reiseroute
Abschied von Kiel-Holtenau “Leinen los“ am 24. Juni 1987, 10.55 Uhr
Von Kiel-Holtenau, unserem Heimathafen, sind wir zu unserer 3-jährigen Weltumseglung gestartet. Meine Mutter Anna Sievers, erfahrene Seefrau, hatte auch mich wie vorher meine beiden älteren Geschwister im Steckkissen an Bord genommen, und Insider der damaligen Szene behaupten steif und fest, ich hätte während meiner zweijährigen Segelschiffszeit auf unserem Schoner “Wilhelm“ statt Muttermilch zu viel Salzwasser getrunken. Für viele Bekannte ist das die einzige Erklärung, warum ich bereit war, meinem Mann in unserer zweiten Lebenshälfte in einem kleinen Segelboot rund um die Welt zu folgen und nicht das beschauliche Leben von Rentnern anzustreben, um auf Hochzeiten der Kinder, Taufen der Enkel und all den zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen dabei zu sein.
“Seefahrt ist Not!“ – so schrieb Gorch Fock.
Mit diesem Leitsatz bin ich aufgewachsen und ihm treu geblieben.
Peter, Kapitän und später Seelotse, war begeisterter Segler und hat mir und unseren beiden Söhnen viele Kenntnisse und Fertigkeiten beigebracht. Seit Jahrzehnten steckt uns die Segelei in den Knochen, und so mündete die gemeinsame Segelleidenschaft in unsere große Weltumsegelung, ein Unternehmen, bei dem Peter mindestens 3 Rollen übernahm: Ehemann, Segelkamerad und Vorbild. Bevor wir uns diesen wunderschönen Traum erfüllen konnten, segelten wir noch oft in unseren kühlen heimatlichen Gewässern, und an Bord und an Land floss noch viel Heißes die Seemannskehlen hinunter.
Bei all meinem anhaltenden Enthusiasmus und dem Traum, einmal bis ans Ende der Welt zu segeln, fühlte ich mich zusehends elender, je näher der angepeilte Termin rückte. Meine Courage wurde gestoppt durch anhaltende Bedenken, die Tag und Nacht mein Gehirn marterten. Sollte ich hier in Holtenau einfach alles aufgeben? Und das für Jahre? Weitere Sorgen bereiteten mir unsere beiden Söhne, die in ihrer Ausbildung steckten und denen wir – so meinte ich – den Anlaufpunkt, das Elternhaus, offenhalten mussten. Auch meine mühsam aufgebaute Berufstätigkeit stand zur Diskussion und dann das Abschiednehmen von Familie, Freunden und dem Haus in der Königstraße.
Nun waren es Peter, der alle Bedenken zur Seite schob, und überraschenderweise meine Mutter, die zwar in ihrem Taufspruch noch einmal auf viele Gefahren hinwies, sonst aber souverän sich für das Projekt aussprach.
Sie taufte das Schiff auf den plattdeutschen Namen “Do mi nix“, und nach dieser Amtshandlung sagte sie: “Ich habe nicht nur zu diesem Schiff Vertrauen, sondern in großem Maße zu seiner Besatzung.“
Taufspruch von meiner Mutter, Anna Sievers:
Mog Warf und Holtenau Ehr Und set di fix to Wehr Und lot di nümmers ünnerkriegen, denn du muß Stürm und See besiegen.
We glöv an die in Sturmesnacht, bi Sünn und Mond und Sternenpracht. Und hölpt, dat di de Herr in Heben, wart immer sienen Segen geben.
Und op de Fohrten dörch de Welt, de Sterns den gooden Kurs erhellt und so bewohrt vör Riff und Klipp und di mok to een glückhaft Schipp.
Lot los de Lienen, lot er lopen, de niede Yacht,
de wüllt wie “D o m i n i x „ ropen!!!
”Wat mud – dat mud”, dachte ich und kam vor lauter Vorbereitungen immer weniger dazu, Herzschmerzen zu haben.
Im Sommer 1986 wurde jede freie Minute zum Segeln genutzt. Wir lernten das Schiff kennen und konnten es gut handhaben. Astro-Navigation stand jeden Tag auf meinem Kalenderblatt. Peter war unerbittlich bei seinen Unterweisungen. Erst als meine Berechnungen immer sicherer wurden, schenkte er mir einen Taschenrechner, der 20 Navigationsprogramme enthielt und der das Berechnen des Standortes sehr erleichterte.
Der Winter wurde genutzt, Seekarten, Handbücher und Navigationsmittel zu ordnen sowie Segel und das laufende und stehende Gut zu kontrollieren und zu verbessern. Sonnensegel wurden genäht und dabei ganz handfest über unsere geplante Route gesprochen.
Uns war klar, dass wir mit einem kleinen Segelboot auf den Meeren der Welt nicht gegen die hohen Seen und die vorherrschenden Winde angehen konnten. Weltumspannende Systeme wie Passate, Monsune und der Westwindsdrift mussten für unser Fortkommen genutzt werden. Deshalb kamen für uns zuletzt nur noch zwei Kurse in Frage. Der eine ging mit dem Passat über den Atlantik, dann durch den Panama-Kanal und weiter in die Südsee. Der zweite Weg führte durch die Magellan-Straße um den südamerikanischen Kontinent herum und dann in den Stillen Ozean, dabei musste bedacht werden, dass auch die Hurrikan-Zeiten in den tropischen Gebieten mit einzuplanen waren.
Peter wurde im Februar 1987 Rentner. Er war nun 63 Jahre alt, voller Tatendrang, und sein Optimismus steckte alle an. Schilksee wurde von nun an sein Betätigungsfeld.
“Do mi nix“ hatte auf dem Hafenvorfeld überwintert. Nun hieß es, das Unterwasserschiff zu pönen, Überholungsarbeiten vorzunehmen und die Aries-Windsteuerung anzubringen. Da wir über keinen Geldesel verfügten, teilten wir unser verfügbares Kapital – speziell für Neuanschaffungen von Ausrüstung – in 3 Kategorien ein:
1. Wichtig, 2. Nicht ganz wichtig und 3. Entbehrlich.
Als am Ende noch Geld zur Verfügung stand, entschieden wir uns, ein Radargerät einzubauen. Ich muss sagen, Arbeit und Investition haben sich gelohnt. Jeden Landfall, auch bei dunkler Nacht oder unsichtigem Wetter, konnten wir problemlos mit dem Radargerät durchführen.
Im Mai 1987 wurde uns die Möglichkeit angeboten, bis zur Abreise im Juni “Do mi nix“ im Tonnenhof-Holtenau zu vertäuen. Das gab uns die Gelegenheit, ganz aus der Nähe unseres Hauses zu operieren und so bequemer weitere Arbeiten am Schiff durchzuführen. In unserer Vorbereitungszeit haben wir viele Gesten der Zuneigung und warmherzige Gefühle uns gegenüber erfahren. Darunter auch zum Beispiel Maiglöckchen-Ablegen, die uns seit zwei Jahrzehnten versprochen waren.
Am 20. Juni 1987 war mein letzter Arbeitstag. Schweren Herzens nahm ich Abschied von meinen Kolleginnen. Zu dem Zeitpunkt war ich so ausgepowert, dass ich nicht mehr die Kraft hatte zu weinen. Abends richteten meine “Tennistanten“ eine Riesenparty aus. Nach dieser Veranstaltung war meine Stimme verschwunden, ich konnte nur noch flüstern. Nach einer Silberhochzeitsfeier einen Tag vor unserer Abreise wurden wir entspannter. Unser Schiff war fertig ausgerüstet, und wir schliefen schon seit Tagen an Bord.
Am Ausreisetag, dem 24. Juni 1987, war es wolkig, windstill und feuchtkalt. 12.10 Uhr passierten wir Kiel-Leuchtturm und steuerten zu Beginn nördliche Kurse.
Die letzten Grüße wurden mit den wachhabenden Lotsenkollegen ausgetauscht und ebenso mit der Crew des Lotsenversetzbootes. Lange Zeit danach war es nur das gleichmäßige Tuckern unserer Maschine, die Aktivität ausdrückte. Wir waren viel zu abgespannt, um Elan zu entwickeln. Zutiefst saß uns der Abschiedsschmerz der letzten Tage und Stunden in den Knochen. Jeder hing seinen Gedanken nach, versuchte mit sich ins Reine zu kommen und war dankbar, dass der Partner stumm blieb wie ein Stockfisch.
Holtenau – Inverness Erster “Landfall“ in Inverness, Schottland – Bewährung des “Kampfanzugs“ – Begegnung mit Tümmlern
7.7.1987 Holtenau – Inverness
Ihr Lieben,
nach dem Verlassen des Limfjordes war unser erster “Landfall“ am 5.7.1987 um 9.30 Uhr in der ersten Schleuse Claharaharry in Inverness. Die freundliche Stimme des “water way man“ erklärte uns – sogar für mich verständlich – den Caledonian Canal mit seinen 29 Schleusen und 10 Brücken. Wir zahlten mit einem Euro-Scheck. Die Quittung klebten wir – wie gewünscht – sichtbar im Cockpit an, und nun stand dem Abenteuer Schottland nichts mehr im Wege. Außer, ……. Viele, viele Schleusen und Lochs und Nessie. Vorher aber wollten wir Stadt und Leute kennenlernen und machten uns in Inverness, von Neugierde getrieben, auf, um Neuland zu entdecken. Nach wenigen Kilometern spürten wir nur noch unsere müden Seebeine. Nach einem kurzen Einkauf im Supermarkt schleppten wir uns zurück an Bord und schliefen 2 Stunden lang einen herrlichen Mittagsschlaf, um dann etwas ausgeruhter Deckarbeiten zu erledigen. Erst nach einer Bauernnacht fühlten wir uns am Sonntagmorgen fit und wohl und machten Überlegungen, wann wir die Weiterfahrt festlegen sollten. Wir setzten Montag früh, den 7.7.1987, fest, bis dahin wollten wir Reparaturen und Sparziergänge mit Besichtigungen in der nahen Stadt durchführen.
Nach dem Loswerfen der Leinen am Tiessen-Kai, Euren Umarmungen und meinen vielen nicht geweinten Tränen kam ich erst viel später dazu, noch einmal alles Revue passieren zu lassen. In Holtenau war ich viel zu erschöpft, um Traurigkeit aufkommen zu lassen. Nun ordnete ich alles in meinem Gedächtnis, erlebte noch einmal die letzten Tage und Stunden und wurde vom Großen Belt und seinem Geplätscher in den Schlaf gebracht, träumte von Euch und war Euch sehr nahe.
Die Flaute brachte uns nicht weiter bis nördlich Spodsbjerg, wo wir Anker warfen, um uns von den Strapazen der letzten Tage zu erholen. Der Schlaf tat gut, und der nächste Tag brachte mit gutem Wind neue Aufgaben.
Wir lebten uns schnell ein. Bei Røsnaes wurden wir auch als Segler zum ersten Mal gefordert, wir mussten reffen, segelten mit der 2. Genoa und machten lt. Ap unsere 6-7 Kn. Ich hatte keine Zeit mehr, über den Abschied und andere Dinge der letzten Tage nachzudenken. Nun wurde ich als Navigator, Koch usw. gefordert, und es machte wieder ungeheuren Spaß, sich mit allen diesen Dingen auseinanderzusetzen. Abends um 20.30 Uhr machten wir in Grenå fest. Wir beide kamen überein, die Nacht zu relaxen, um dann ausgeruhter bis Hals zu segeln. Viel Flaute erwartete uns am nächsten Tag, und es wurde ein langer Seetag mit wenig Wind.
Am Sonntag blieben wir in Hals liegen. Der Wind wehte hart aus dem Westen, und wir hätten dagegen anmotoren müssen. Wir nutzten den Sonntag, um den Stauplan zu ergänzen und zu verändern, Listen über unseren “Besitz“ anzufertigen, Seekarten für den Limfjord zu ordnen und für die Nordsee.
Der Montag war kalt und regnerisch. Wir navigierten mit Radarhilfe. Spät abends steckten wir den Anker, labten uns an Schinken und anderen Köstlichkeiten und wünschten uns beim Zuprosten für den nächsten Tag beständigeres Wetter, eine gute Brise, aber nicht aus dem Westen. Der Wetterbericht versprach uns SW.
Am nächsten Mittag passierten wir Thyborøn und liefen bei flauem Wind aus SW – wie versprochen – aus. Gegen Abend liefen wir in eine dicke Nebelwand, und wieder war es das Radargerät, das uns Sicherheit und Vorankommen garantierte. Viele Fischer kreuzten unseren Weg, und als Wachhabender hatte man genug zu tun, Peilungen und Kontrollen vorzunehmen. Inzwischen hatte der Wind gedreht und wehte nun aus W mit einer Stärke von 5 Bf. Türkisfarbenes Wasser erfreute uns, der nordische bizarre Himmel und Dominix mit einem Reff und der 2. Genua jagte durch den Seegang, wie ich erhofft hatte. Für die Nacht wechselten wir auf die Arbeitsfock über, aus Vorsicht, aber auch, um nicht in der Nacht bei Dunkelheit die beschwerliche Arbeit des Segelwechselns vornehmen zu müssen.
Gute Vorarbeit; denn am nächsten Morgen, noch in meiner Wache, legten wir das zweite Reff ein. Die Aries arbeitete sehr gut, gerade bei rauher werdender See, so dass wir durch diese Anlage eine wirkliche Entlastung hatten. Die grobe See spritzte über Deck und Cockpit. Der Wind wehte mit guten 7 Bf. Und die Nordsee zeigte uns, wie hoch ihre Seen sich entwickeln können, und ich dachte daran, wie beschwerlich es für Røde Orm und Consorten gewesen sein muss, nach England zu segeln. Ich dachte aber auch an meinen Vater, der viele Male gerade diesen nördlichen Weg der Nordsee fahren musste, um sein Schiff mit Holz von Finnland nach Schottland zu bringen. Viel beschäftigte ich mich auf dieser langen Wache bei diesem imposanten Wetter mit meiner “kleinen lieben Mama“. Viel hat sie schon durchgestanden, doch hoffe ich nun, dass sie aufgrund ihrer Kenntnisse und ihrer Weisheit gelassener allen Dingen entgegensieht. Sie hat mir einen großen Respekt und Freude mit ihrem letzten Geschenk gemacht. Ich bin sicher, wenn nichts mehr geht, wird der Kompass vom “Schoner“ uns den Weg weisen. Außerdem hat sie in ihrem Taufspruch für unser Schiff alles ausgedrückt, was noch zu sagen und wünschen wäre.
Der Wind ließ am Abend etwas nach. Der westliche Wind mit Windstärke zwischen 5-6 blieb uns aber für die Nacht erhalten. Wir kamen gut voran. Neben den unendlichen Wassermassen passierten weiterhin viele Fischer unseren Weg und 2 Hubschrauber, die über uns eine Ehrenrunde drehten und sichtlich erfreut uns zuwinkten. Der Freitag kam und mit dem Tagwerden immer weniger Wind, so dass wir uns nun auch noch über den Strom ärgern mussten, der uns nur wenige Meilen auf einer Wache (3 Std.) machen ließ. Wir hatten nun Zeit, uns zu waschen, klammes Bettzeug in der Sonne durchlüften zu lassen und uns ab und zu aus unserem „Kampfanzug“ zu schälen, um etwas von der nördlichen Sonne einzufangen. Nach dem Nebeltag hatten wir zwar viel Sonne, aber die unglaubliche Kälte machte uns zu schaffen. Mein Kampfanzug bestand aus Fazerpelz, einer wollenen Strumpfhose, dicken Norwegersocken, von Christa Dombergen gestrickt, und einem 3. Paar Wollsöckchen, außerdem einer Thermohose und meinem Helly-Hansen-Anzug. Ich kann Christian nur danken, dass er mit seiner ihm eigenen Bestimmtheit dafür sorgte, dass ich mir einen so guten Anzug kaufte.
Am Freitag sahen wir, kurz bevor ich meine Freiwache antreten wollte, das weit reichende Feuer von Kinnairds Hd. Vor Aufregung konnte ich nicht zur Ruhe kommen, und als ich dann noch die vielen, vielen Tümmler an unserer Bordwand spielen sah, wünschte ich die Nacht vorbei, um möglichst viel von allem, was sich ereignen könnte, zu sehen.
Nachmittags gegen 15.00 Uhr ankerten wir für 9 Stunden in dem Moray Firth, um mit auflaufendem Wasser und Strom Inverness zu erreichen. Kurz nach Mitternacht, am 6.7.87, lichteten wir den Anker und segelten die Bucht hoch am Wind auf Inverness zu. Die letzten Stunden mussten wir den Motor mitlaufen lassen, um die Stromschnellen vor dem Hafen gut aussegeln zu können und um vor dem Gezeitenwechsel den Caledonian Canal zu erreichen. Die Tümmler, ganze Familien, begleiteten uns, und viele kleine Seehunde schauten uns erstaunt an.
Heute Abend erlebten wir Inverness-Pub. Einfach herrlich. Tolle Typen! Von den guten schottischen Bieren merkte ich nur die Wirkung.
Euer Vater verändert sich. Er lässt sich einen Bart stehen. Er sieht schon jetzt sehr englisch aus.