DIE SÜDSEE UND NEUSEELAND Erinnerungen an die Südsee – Die Cook-Inseln; Pago-Pago; Tonga und Suvarov
Weihnachten 1988
Unser zweites Weihnachtsfest – fern von Euch – steht vor der Tür. Im letzten Jahr erreichten wir am 19. Dezember den Hafen von Mar del Plata in Argentinien. In diesem Badeort, der, wie Neuseeland, auf fast gleicher südlicher Breite liegt, erlebten wir unter einem blauen Sommerhimmel die Festtage. Wir erholten uns von dem nur wenige Tage zurückliegenden Sommerpampero, der uns auf dem sich 100 Meilen ins Meer erstreckenden flachen Grund der La-Plata-Mündung erwischte und unser Großsegel wegfetzte. Vor dem Club Nautico lagen wir mit 6 ausländischen Yachten. Da wir alle in den Süden wollten, waren die Tage vor dem Fest ausgefüllt mit Arbeiten an den Schiffen und dem Reproviantieren. Die Abende vergingen mit Fachsimpeleien, aber auch mit Tennispielen. Weihnachten feierten wir dann wie ein sehr ausgelassenes Strandfest.
Weihnachten 1988 fällt unter den gleichen südlichen Sternenhimmel, der uns schon so vertraut geworden ist, dass uns beiden nicht mehr auffällt, dass der Mond andersherum ab- und zunimmt und die Sonne im Norden am höchsten steht. Die Neuseeländer legen deshalb auch ihre Balkone und Terrassen auf die Nordseite, um so das Sonnenbad zu verlängern. So blühen die schönsten Sommerblumen im neuseeländischen Winter und auch die Heuernte wird dann eingefahren. Zur Zeit blühen die Hortensien wahnsinnig üppig, und hier im Norden in der Mangonui-Bay finden wir alle tropischen Blumen wieder, wie Bougainvillea, Oleander, Hibiskus, Zitrus- und Feigenbäume. Palmen zieren die Straßenränder und die Einfahrten zu alten Farmhäusern. Am 2 km langen Sandstrand der Coopers-Beach, wohin wir täglich von unserem Anlegeplatz wandern, säumen riesige Pohutukawa, auch Christmas Tree genannt, das Ufer. Diese Bäume werden so riesig wie unsere Eichen, blühen jedoch in einem leuchtenden Rot. Unter diesem Baum werden wir unser Weihnachtsfest feiern.
Neben Weihnachten hat der Dezember-Monat noch etwas Gutes. Die Periode des beständigsten Sonnenscheins beginnt. Wie Argentinien reicht Neuseeland mit seinen südlichsten Teilen bis an die Antarktis-Region und in seinen nördlichsten bis in subtropische Zonen. Wir haben uns in den Norden begeben, um so der Sonne und dem schönen Wetter näher zu kommen. Wenn der Sommer sich nach dem Süden ausbreitet, werden wir Segel setzen, um auch die übrigen Teile Neuseelands kennen zu lernen.
Als wir mit Christian vor 2 Monaten die Bay of Islands erreichten, wurden wir mit unfreundlichem Hagelwetter begrüßt. Unsere wollenen Kleidungsstücke holte ich zu spät aus der Backskiste. Ein Hexenschuss lähmte für eine lange Zeit meine Aktivitäten. Zur Linderung wurde ich täglich mit Kampferöl eingerieben, und die Liebestöterunterwäsche tat das Übrige. Nach dem langen Tropenaufenthalt brauchte ich eine lange Anlaufzeit mit der Klimaumstellung. Dabei ist gerade dieses gemäßigte ozeanische Wetter zum Wohlfühlen ideal. Die Gesichtshaut bekommt einmal Zeit zum Regenerieren, soweit dies überhaupt in unserem Alter noch möglich ist. Große Schirmmützen und Strohhüte waren hier noch nicht wichtig, in den tropischen Segelgebieten jedoch ein unerlässlicher Schutz. Leider konnte ich nicht verhindern, dass die gnadenlose Sonne mir das Gehirn wegdörrte und eine Regeneration hier leider überhaupt nicht möglich ist. Trotzdem will ich versuchen, euch einen kleinen Abriss unserer weiteren Reiseerlebnisse zu geben.
Das Suvarov-Atoll ist, wie in früheren Zeiten Helgoland, nur ein Schutzhafen. Die Cook-Insulaner weisen beim Einklarieren darauf hin, dass der Aufenthalt nicht länger als 7 Tage dauern sollte. Um ihre Reglementierung zu mildern, luden sie uns am Ankunftstag zum Fischgrillen ein. Mit in der Runde saßen Pila und Eduardo von der spanischen Yacht “Rock’n Blues“, Bob, ein Amerikaner von der “Delanie“ und von dem 25 m großen Schoner “Wales Tale“ der Besitzer Paul, Amerikaner, und seine 6-köpfige Besatzung. Auf dem von Tom Neal angelegten Barbecue-Platz fand die Feier statt.
Die Coconutcrabs und Langusten hatte man zum Garen in eine große Tonne gegeben. Unter diesem “Kochtopf“ hatten die Gastgeber aus Kokosnussschalen ein kräftiges Feuer entfacht. Werkzeuge zum Umdrehen der Fische auf dem heißen Grill oder Servieren der heißen Meeresfrüchte brauchten diese Naturmenschen nicht. Sie nahmen ihre Finger und legten uns die Köstlichkeiten auf ein Bananenblatt. Wir lernten es ziemlich schnell, ungeniert unsere beiden Hände zu benutzen und abzulecken. Unsere Gastgeber warteten aus Höflichkeit, bis wir alle gesättigt waren, dann langten sie zu und beim Anblick der gesunden Zähne und des kräftigen Unterkiefers konnte ich mir schon vorstellen, dass ihre Urgroßväter mit so ausgerüsteten Kauwerkzeugen keine Schwierigkeiten hatten, ihre Feinde zu verzehren. Nach dem Essen spielte Eduardo, Musiker von Beruf, Lieder auf, die zu diesem Abend und der Stimmung passten. Auch die Cook-Insulaner holten ihre Gitarren, und mit engelsgleichen Stimmen sangen sie Südseelieder. Tom, ein Fijianer von der “Wales Tale“, interpretierte die Texte durch Hula-Tänze. Palmenzweige und einfache Tücher waren seine Kostüme. Während er mit wilden Hüftschwüngen den Part der Frau tanzte, um dann zum rhythmischen Knieschlackern der Männer überzugehen, erzählten seine Hände ganze Geschichten von Vahine und Tane, Frau und Mann, und was alles so aus Liebe passieren kann. Diese Galavorstellung mit Tom wurde fortgesetzt durch Pila, die einen feurigen Flamenco tanzte. Es ging nicht so weit, dass Peter und ich einen Walzer tanzen mussten oder eine Polka. So andersartig die Kulturen und ihre Bräuche auch sind, die Sehnsucht der Menschen nach Liebe und Glück spiegelte sich in jedem Lied und Tanz wider. Die Abschieds-Spaghetti-Party auf “Wales Tale“ verlief dann wie eine Fortsetzung unserer Ausgelassenheit vom Ankunftstag.
Am Morgen des 9. Juli verließ erst die “Delanie“ unsere Ankerbucht. Mittags hievte ich den Anker, und bei schönstem Wetter nahmen wir Abschied von den winkenden Freunden. – Es ist merkwürdig, mit wie unterschiedlichen Gefühlen man Inseln oder Häfen verlässt. Von diesem Island entfernten wir uns in wehmutsvoller Stimmung. Es machte uns einfach traurig, dass wir viele dieser Menschen niemals wiedersehen werden. Eine gute südöstliche Brise nahm uns auf, und sehr schnell hatte uns der offene Pazifik wieder. Vom 80 km langen Riff, das bei Flut unter Wasser liegt und bei dem einzig die schäumende Brandung den Segler auf die Gefahr aufmerksam macht, sahen wir schon nach kurzer Zeit nichts mehr. Wir gingen unsere Wachen, und alles lief normal. In der Nacht find es an, in der Ferne zu blitzen, wie so oft in tropischen Gewässern. Auf einer von meinen Wachen (so ist es immer!!!) begann es plötzlich zu pusten und zu regnen. Um den Skipper in seiner Freiwache nicht zu stören, hatte ich wohl zu lange gewartet. In bestimmten Situationen aber, wenn ich als Wachgänger genau erkenne, dass die Umstände es wirklich erfordern, rufe ich kurz: Petiii, und mein Peter erscheint augenblicklich. Wir waren in eine schwere Sturmböe geraten. “Do mi nix“ war nicht mehr zu steuern, und die Segel knatterten wie wild im Wind. Während weiße Gischt das Boot einhüllte, rissen wir so schnell und so gut wir konnten die Segel runter. Mit viel Mühe schafften wir es, sie fest zu laschen und dann, nachdem alles gesichert war, in Ruhe zu überlegen, was man tun konnte. Unsere gute Aries-Windsteuerung arbeitete wieder. Sie steuerte das Schiff auch ohne Segel vor Topp und Takel. Dann wurde, trotz der immer unangenehmer werdenden See, die Sturmfock gesetzt. Mit 7 Knoten Fahrt ging es weiter unserem Ziel Pago Pago auf American Samoa entgegen.
Auf solchen Sturmfahrten werden alle Luken und kleinen Öffnungen geschlossen. Wir halten uns in der Kajüte auf. In regelmäßigen Abständen wird die Luke aufgeschoben, und die Wachperson nimmt einen Rundumblick. Wenn die Sicht schlecht ist, läuft das Radar mit, um gegen alle Überraschungen sicher zu sein. Nach 12 Stunden ging dann die Windstärke von 9-10 auf 7 Bft. zurück. Eine dumme See stieg hinten bei uns ein und verbog unsere Reling mit der Schutzverkleidung. Auch Peter musste eine Verletzung einstecken. Beim Kaffeetrinken passierte es, dass ein Kaventsmann Do mi nix auf die Seite warf und Peter mit der Tasse in der Hand durch den Raum schoss und gegen eine scharfe Kante fiel. Eine Platzwunde über der rechten Augenbraue war das Resultat. Im ersten Moment sah die Verletzung furchtbar aus, weil der Blutstrom nicht aufhalten wollte. Mit einem großen Pflaster konnte sich die Wunde zusammenziehen, und ich kann versichern, er hat nichts an Schönheit eingebüßt. Der Heilungsprozess war dann nur eine Frage der Zeit.
Trotz aller Widrigkeiten waren wir in Rekordzeit am Ziel und hatten “Delanie“, ein 42-Fuß-Schiff, 2 Stunden abgenommen. Bob war nicht allein gesegelt. Ein Naturschützer von Suvarov hatte die Gelegenheit genutzt, mit in die Zivilisation zu kommen, um einen Arzt aufzusuchen.
Wir blieben 3 Tage in Pago Pago, 48 Stunden zuviel. Der Hafen liegt am Ende eines wunderschönen Naturfjordes. Durch Ansammlungen von Industriebetrieben – auch Fischfabriken – war das Wasser eine einzige Kloake, und es stank. 30 Yachten lagen vor Anker und hatten mehr oder weniger Bart und Schmiere angesetzt. Ein E-Werk sorgte für nimmer endenden Krach. Das einzig Gute in diesem amerikanischen Hafen waren die Supermärkte. Sie boten alle Güter preiswert und gut an. Auch Bier und Spirituosen. Das Seglerherz konnte aufatmen.
Der erste Morgen jagte uns einen gewaltigen Schrecken ein. Einem alten “Rostpott“ hatte der letzte Sturm die Leinen durchschamfilt. Nun trieb er, von dem heftigen Wind in Fahrt gesetzt, auf uns und andere Ankerlieger zu. Als Peter mich aus der Koje holte, klang seine Stimme ganz ruhig. Mit wenigen Worten jedoch hatte er mir die Situation erklärt und seine Instruktionen gegeben. Über UKW mobilisierte er die zuständigen Büros. Ich schrie derweil beim Ankerhieven meine Nachbarn wach. Als der Schlepper den alten Frachter auf den Haken nahm, war die Distanz zu unserem Schiff ganz schön geschrumpft. Nur eine amerikanische Yacht wurde beschädigt.
Einige interessante Erlebnisse hatten wir dennoch. Ein Bus brachte uns
30 km weiter in ein Dorf. Ein köstlicher Grillgeruch lockte uns zum Dorfplatz. Hier tagte eine große Gemeinde. Wenig später saßen wir inmitten dieser fröhlichen Menschen. Sie bewirteten uns mit gebratenen Hühnerbeinen, Fischsalaten, Bier und Cola. Sie feierten den Annexionstag der Amerikaner. Strahlend erklärten sie uns, “Onkel Sam“ zahlt seit 1928 einfach alles. Der Stützpunkt im Pazifik ist dem Amerikaner schon seine Dollar wert. Peters Worte des Dankes wurden vom Chief (Häuptling) und den Eingeborenen mit Klatschen gewürdigt.
Bob kam am letzten Abend zum Abendbrot. Es wurde eine lange Nacht. Er, ein 40-jähriger arabischer Jude, interessierte sich natürlich für die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und Judenverfolgung und Vernichtung. Die Umarmung mit ihm besiegelte eine neue Freundschaft.
Für 450 sm bis Pago Pago brauchten wir 65 Stunden. Nun rechneten wir bis Apia/West-Samoa bei gutem Wind noch einmal mit 12 Stunden. Mit Hellwerden liefen wir aus, und nach anfänglich gutem Passatwind blieb der Stille Ozean wirklich still. Wir mühten uns Meile um Meile, bis wir am 16. Juli um Mitternacht im Hafen von Apia Anker stecken konnten. Wieder einmal hatte uns das Radargerät den Weg in dunkler Nacht gezeigt.
Inzwischen brauche ich Hans Braune nicht mehr vorzustellen. Seinen Videofilm über uns und sein Samoa kennt Ihr alle. Für uns bleibt noch zu erzählen, dass das Geschenk der Stadt Kiel oder der Landesregierung, ein Feuerwehrauto, immer noch nach Jahren mit dem Emblem an der Seite Kieler Feuerwehr seine Einsätze fährt. Die Segeltour nach Savai’i kennt Ihr aus dem Film; aber die “Fia-Fia“ (Fest) im “Waitala-Hotel“ haben wir nicht im Bild festgehalten. Junge Mädchen und Männer aus dem Dorf tanzten am Strand vor uns unter Anfeuern der ganzen Dorfbewohner (mit Kind und Kegel) ihre alten Tänze. Da versteht man auf einmal, warum so viele Seefahrer Schiff, Job und Heimat in Stich ließen, als sie in diese Breiten kamen. – Einen baumlangen Samoaner mit dem deutschen Namen Hans Gabriel stellte uns Hans am Strand beim Schwimmen vor. Er war von der Hüfte bis zum Knie mit traditionsgebundenen Formen tätowiert. Diese Prozedur ist sehr schmerzhaft. Nur Tätowierte können in den Rat der Matai’s (Chief) hineingewählt werden. Für einen solchen Mann, der aus einer alten samoanischen Familie stammt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er in eines der höchsten Ämter des Landes gewählt wird. Mit diesen beiden Hans wurde die “Fia-Fia“ erlebnisreich und lang.
Die Quizfrage stellte sich uns dann: Wie findet man ohne Taschenlampe und “mit een besoopen Koop“ in stockfinsterer Nacht auf schwarzem Lavagestein das Beiboot? Auch für einen absolut nüchternen Menschen wäre es in dieser mondlosen Nacht fast unmöglich gewesen, das Dingi zum Übersetzen zu finden.
Gott sei Dank haben die Fale, wie man die im traditionellen Stil gebauten ovalen Hütten auf Samoa nennt, offene Seiten, so dass der Dorfpolizist uns kommen hörte. Im langen Lava-Lava (buntes, langes Stoffstück um die Hüfte gewickelt – inzwischen auch mein bevorzugtes Kleidungsstück geworden) und mit einer brennenden Fackel in der Hand leuchtete er uns zum rechten Ort. Zu spät kam der Retter in der Not. Unsere Beine waren aufgeschlagen und blieben es noch 6 Wochen. Oma würde sagen: “Dat har no leger komm kunnt“. Unser Gast Hans Braune folgte am nächsten Tag mit einem Inselhopper nach Apia zurück. Wir aber setzten Segel und steckten Kurs ab zur Vava’u-Gruppe im Königreich Tonga.
Liebe Grüße Eure Elke und Euer Peter
Weihnachten 1988
Liebe Freunde,
zu allererst, zu Eurer Beruhigung: Meine Eltern sehen gut aus und haben sich sonst nicht sehr verändert. Beide sind etwas muskulöser geworden. Das tägliche Hantieren mit Anker, Ankerkette und Segel trainiert und stärkt den Körper. Bodybuilding ist hier kostenlos, im Gegensatz zum neuen Bodybuilding-Center des TuS. Beide machen einen gesunden Eindruck. Ein kleines Wehwehchen hier, ein kleines Wehwehchen da, ist – glaube ich – normal. Peter sagt selbst: “Wenn man über 50 Jahre ist und man wacht morgens auf und ist ohne seine gewohnten Beschwerden, ist man tot!“
Die “Do mi nix“ ist das Zuhause geworden. Und wie beim eigenen Haus üblich, bemühen sich die Hausbesitzer, ihr Anwesen zu erhalten und zu verschönern. Da gibt es täglich viel zu tun. Motor, Segel, Mast und Baum brauchen viel Pflege. Ich wurde gleich am ersten Tag abkommandiert, tauchend das Unterwasserschiff von Muscheln zu säubern.
Die täglich zu erledigenden Aufgaben nehmen viel Zeit in Anspruch. Schon die für uns Wohlstandsmenschen selbstverständlichen Dinge wie Müllentsorgen, Frischwasser, Öl und Petroleum Übernehmen oder Einkaufen sind sehr beschwerlich. Denn meist geschieht alles mit Hilfe des Beibootes. Auf der Insel Malolo-Lei-Lei z. B. mussten wir erst einmal 300 m mit unserem Außenborder zurücklegen, dann watend bis zur Insel laufen, Boot mitziehen, dann wurde ET (nicht Elke, sondern Dingi) getragen und an einer Palme vertäut. Wir gingen am Strand entlang, überquerten einen Flusslauf, passierten ein gestrandetes Schiff, um dann endlich einen Mini-Mini-Markt zu erreichen, wo wir nichts kaufen konnten. Das Leben ist aber gerade durch diese kleinen Umstände spannend und ereignisreich und wird niemals langweilig.
Nun zu einem anderen wichtigen Thema: das Essen an Bord. Selbst auf hoher See konnten wir uns über lukullische Spezialitäten freuen. Täglich frisches Brot, Brötchen und Home-made-Marmelade. Pizza gab es und Kuchen, um nur Einiges zu nennen. Ein Wunsch ging jedoch noch nicht in Erfüllung. Wir würden so gern einmal einen großen Lobster fangen und verspeisen. Alle anderen Yachties erzählen immer von riesigen Langusten, womit sie eine vielköpfige Familie satt bekommen. Wir haben bisher keinen gesehen. So bleibt diese Köstlichkeit wohl nur ein täglicher Wunschtraum und Gesprächsthema. Ein Traum, der ausnahmsweise nicht in Erfüllung geht.
Euer Christian
Von Tahiti nach Neuseeland 3000 sm waren zu bewältigen – Reflektionen über den Aufenthalt im paradiesischen Polynesien und den Besuch des Sohnes
Januar 1989
Auf den 3000 sm von Tahiti bis nach Neuseeland hat sich ein Berg an Erlebnissen angesammelt, und ich möchte versuchen, ein klein wenig davon abzutragen. Bevor ich jedoch mit meinem Reisebericht anfange, möchte ich Euch allen danken für die Post, die uns am 27. September in Nadi/Fiji erreichte. In Papeete war die Ausbeute gering gewesen. Wir hatten wohl die Distanz zwischen Südamerika und französisch Polynesien zu schnell hinter uns gebracht und Euch zu wenig Zeit zum Schreiben gelassen. American Express schickte uns die Post bis Nadi nach. Ich würde Euch gern einmal das Erlebnis wünschen, nach einem langen Seetörn Post zu bekommen. Es ist, neben den vielen herrlichen Eindrücken, die so eine Reise uns täglich schenkt, ein besonderes High, von Euch und Euren Familien zu hören. Ganz herzlichen Dank.
Von Tahiti segelten wir zu Zielen mit Namen wie Südseemelodien: Moorea, Huahine, Raiatea-Tahaa und Bora Bora.
Weit öffneten wir nun die Tür zum Südseeparadies, auch dann, als wir Bora Bora verließen, um zum 680 sm westlich entfernt liegenden Korallenatoll Suvarov/Suwarow zu segeln.
Das war ein Spaß. Nach 4 Tagen schon hatte uns der kräftige Passatwind zum Ziel geweht. 4 Naturschützer der Cook-Inseln wachen über dieses Atoll. 1814 entdeckte ein russischer Leutnant dieses Riff. Tom Neale, ein Neuseeländer, hat dieses Eiland von nur 250 x 800 m bei Yachties bekannt gemacht. Anfang der 60er Jahre lebte er für mehrere Jahre allein auf diesem Atoll. Er freute sich über jeden Besucher und versorgte sie mit frischen Produkten aus seinem Garten. Über sein Buch – “Südsee-Trauminsel“ – lernten wir sein Paradies “Anchorage“ schon vorher sehr genau kennen und wussten, wie die einzelnen Inselchen im 8 sm großen Korallenriff hießen und welche Tierarten wo zu finden waren. Sein Bemühen, allen Lebewesen Schutz zu gewähren, wird von den Cook-Insulanern fortgesetzt. Viele Tage idyllischen Friedens erlebten wir auf dem letzten Stück Paradies.
Alle Inseln, die wir in den letzten 5 Monaten anliefen, liegen im Süden des Stillen Ozeans. Polynesien ist das Herzstück und sündhaft teuer. Alle Archipele sind touristisch wenig erschlossen. Dem Segler gehören die goldenen Strände, die blauen Lagunen und die traumhaften Tauchgründe. Das Ringriff schützt die Lagune und die Hauptinsel vor den gewaltigen Wogen des Großen Ozeans. Kleine Inselchen, sogenannte Motus, liegen in türkisfarbigem Wasser und warteten nur darauf, von uns entdeckt zu werden. Muscheln sammeln wurde unsere tägliche Beschäftigung. Eine große Sammlung zeigt uns immer wieder die Schönheit der Südsee und ihre Farbenpracht, wie sie sich besonders unter dem Meeresspiegel darbot.
Wir verloren jedes Zeitgefühl und passten uns immer mehr dem Rhythmus der Einheimischen an: faulenzten, badeten und fischten in glasklarem Wasser oder segelten, wenn die Sonne uns optimal den Weg durch die Riffs zeigte, über Korallenköpfe hinweg, neuen geschützten Buchten entgegen. Wir verholten unser Schiff nur in die Zivilisation, wenn der Trinkwassertank Alarm anzeigte. An diesen Yachttreffs entwickelten sich dann unheimliche Aktivitäten. Grillfeste wurden arrangiert, Freundschaften geschlossen oder vertieft und natürlich Wäsche gewaschen. Peter ist immer Wäschespüler vom Dienst. Sehr zum Erstaunen aller Yachties aus anderen Industrienationen. Die Herren Skipper tauschen noch immer lieber ihre neuen Yachtpläne, Wettersituationen und interessante gesegelte Kurse im Cockpit, am Barbecue-Platz und natürlich beim “Happy-Hour“ an der Hotelbar aus. Auf diese Weise knüpft Peter manche Bekanntschaft, hört aber auch von Problemen. Ein Holländer hatte Sorgen mit seiner Zahnprothese. Mein Hero nahm sich der Sache an. Mit der guten Edamer-Rinde verschaffte er sich einen guten Abdruck, und dann war alles für ihn Routine. Selbsterfahrenes Leid hat ihn zum guten Zahntechniker gemacht. Mit seinen inzwischen erworbenen Kenntnissen und Erfahrungen könnte er sich im pazifischen Raum noch eine goldene Nase verdienen.
Über unsere weitere Reise, Erlebnisse, Inseln und besonders über Menschen berichte ich im nächsten Brief. Während der fünfmonatigen Hurrikanzeit im südlichen Pazifik werden wir Neuseeland kennen lernen. Es ist ein sehr “europäisches“ Land. Täglich essen wir im Moment Erdbeeren mit Sahne. Gestern habe ich Rübenmus gekocht und vorgestern Gemüsesuppe und am Tag vor Vorgestern auch Gemüsesuppe und davor Weißkohl, Spinat, Joghurt gelöffelt und natürlich Kiwis gegessen. Man kann sie auch bestaunen und hat viel Freude beim Betrachten dieser besonderen Exemplare. Nach unserem Aufenthalt in tropischen Gewässern gewöhnen wir uns jetzt langsam an kälteres Klima sowie an Sauberkeit und Ordnung.
Während einer 14-tägigen Sturm- und Regenperiode in Neuseeland fällt es mir nicht so schwer, in Träume zu verfallen und Euch von der Weiterfahrt von West-Samoa zu berichten. Von Savai’i zu unserem 460 sm südlicher liegenden Ziel, der
Vava’u-Gruppe im Königreich Tonga, mussten wir hoch am Wind segeln; doch der stetig aus SE wehende Passat mit 3-4 Bft. brachte uns schnell voran. Schon nach 3 Tagen lagen wir vor dem “Paradise-Hotel“ der Inselhauptstadt Neiafu am Anker und trafen viele bekannte Schiffe und ihre Besatzungen wieder. Da Tonga, durch seine Lage an der Datumsgrenze, jeden neuen Tag als erstes Land der Erde begrüßt, hatte es für uns zur Folge, dass uns der Ankunftssonnabend verloren ging und unser erster Tag in Tonga ein Sonntag war. Dieser Tag ist heilig. Nichts, außer Beten, Singen und Ruhen, ist dann erlaubt.
Zum Einklarieren mussten wir am Montag zur Anlegestelle. So verlangte es die Höflichkeit. Die freundlichen Herren der Behörden kamen barfuß in ihren gold- und silberbetressten Uniformen (Jacke und Wickelrock) an Bord. Nachdem die unumgänglichen Formulare ausgefüllt waren, überreichte uns der Hafenkapitän eine mehrseitige Broschüre, in der besonders auf den Schutz des Meeres und der Umwelt hingewiesen wurde. Um es dem Fremden zu erleichtern, sich von den Riffen, Buchten und Inseln fernzuhalten, die ausschließlich der Austern- und Perlenzucht vorbehalten sind, erhielten wir noch eine Mini-Seekarte mit einer Beschreibung des Schärengebietes. In Nummern von 0-50 war das Gebiet aufgeschlüsselt. Nicht lange Namen, wie z. B. Niatupotapu, mussten beim Verabreden buchstabiert werden, sondern die Nummer genügte.
Mit den amerikanischen Yachten “Spellbound“ und “Lysistrata“ trafen wir uns vor interessanten Tauch- und Schnorchelriffen. Auch Höhlen wurden tauchend ergründet. Unsere groß angelegte Exkursion zum Außenriff, um Langusten zu fangen, verlief ohne Erfolg. Diese Schalentiere verhielten sich immer cleverer als wir. Trotzdem gab es ein Menü bei Maggi auf “Spellbound“. Direkt aus der Gefriertruhe in die Mikrowelle und dann auf die Back. – Man sieht, mit genügend Knete, braucht der Segler des 20. Jahrhunderts auf nichts verzichten.
Die schönste Bucht in Tonga war uns die Nummer 11. Es handelte sich hierbei um eine geschützte Bucht mit weißem Strand, an dem wir stundenlang spazieren gehen konnten. Die Luvseite der Insel, gegen die der ewige Passat anwehte, war mit ein paar Schritten durch einen Palmenhain zu erreichen, so dass wir auch die etwas rauhere Seite mit salziger Luft genießen konnten. Auf dem Korallengrund an dieser Küste entdeckten wir unsere schönsten Exemplare der Tritonmuscheln. Solche Muscheln benutzten auch die Fischer, um Signale beim Fischfang zu geben. Sie paddelten mit ihren Auslegerbooten hinaus in die Lagune und sprangen dann ins hüfttiefe Wasser. Mit ihrem Netz bildeten sie einen Kreis. Erfolgte das Signal mit dem “Tritonhorn“, dann gingen sie singend aufeinander zu, schlugen mit einem Stock auf die Wasseroberfläche und verengten so das Netz, um auf diese Weise letztlich ihre Fische zu fangen. Wir bekamen (wie auf Bornholm) unsere Mahlzeit ab.
Hier in der Nr. 11 trafen wir die Spanier Pilar und Eduardo von der Yacht “Rock’n Blues“ wieder. Sie waren die liebenswertesten, aber auch die ärmsten Yachties, die wir je getroffen haben. Ihr Schiff war alt und überholungsbedürftig. Es hatte keine Maschine, war ohne jede Elektronik. Sie lebten von Reis, vom Fischfang und von den Früchten und Gemüse, die ihnen die Einheimischen schenkten. Fingen sie einen Fisch, war es beiden ein Bedürfnis, den mit anderen zu teilen. Wir kochten gemeinsam eine Paella à la Tonga.
Zwei Tonganer, David und sein Vater, luden wir zu diesem Essen ein. Wir lagen vor ihrer Insel, die unsere Bucht zu einer Seite schützte. Davids Großvater hatte dieses Land zur landwirtschaftlichen Nutzung vom damaligen König bekommen. Es ist eine Besonderheit Tongas, dass der König, dem alles Land gehört, jedem Mann über 16 Jahren ca. 3 ha zur agrarischen Nutzung überlässt. David sprach englisch und hatte eine gute Schulbildung gehabt. Sein Vater dagegen konnte sich nur mit einem Wort verständigen: Mit Malo-Danke, und dieses Wort brachte er bei jeder Gelegenheit an.
Wenn wir uns schlafen legten, gingen sie mit ihrem offenen Boot zum Fischfang und schliefen zwischendurch sitzend in ihrem Kanu. Morgens kamen sie und brachten uns Fische, und wir zahlten mit einer Tasse Tee, beschmierten Brote, ALDI-Konserven und “alte“ Klamotten. Daraufhin wurden wir von ihnen eingeladen. Vor der Behausung fanden wir einen freien Sitzplatz unter Palmen. Schweine liefen um uns herum und natürlich Hühner, Hunde und Katzen. Alle Tiere friedlich nebeneinander. So hatte wohl auch Captain Cook die Tonga-Inseln gesehen, als er sie als „Friendly Islands“ taufte.
David und seine Familie schenkten uns für unsere bevorstehende Seereise nach Fiji Kokosnüsse, Tarowurzeln, Brotfrüchte, Tapioka- und Yamknollen, Süßkartoffeln, Bananen und Papayas. Beim Essen aus dem Erdofen erzählte er uns von seinen Vorfahren, die vor langer Zeit so ausgerüstet mit den Früchten des Landes in Doppelkanus lossegelten, um neue Inseln zu entdecken. Nach Sternenstand und Bewegung steuerten sie Nordost und fanden Hawaii. Der Tabuglaube gab ihnen ihre Gebote, und sie fuhren gut damit. Heute stehen in einem 100-Seelen-Dorf 5 Kirchen, und genauso viele Glaubensrichtungen wetteifern miteinander. Die einst klar abgegrenzten Götterkulte wurden durch eine für uns verwirrende Vielzahl von “Christentümern“ ersetzt. Wer in Polynesien keinen Gottesdienst erlebte, der hat etwas sehr Erlebnisreiches versäumt. Es wird mit einer Inbrunst gesungen, schöner als alle ausgebildeten Stimmen berühmter heimischer Chöre es vermögen.
Als wir am 1. September 1988 die Vava‘u-Gruppe und unsere Freunde verließen, trennen uns 550 sm bis zu den Fiji-Inseln, und bis zu Christians Ankunft in Nadi-Airport nur noch 30 Tage. Alle Cruiser und Freunde im südlichen Pazifik freuten sich mit uns, dass unser Sohn eintreffen sollte. Auch „Do mi nix“ schien von der Vorfreude angesteckt und rauschte mit einer weiß schäumenden Bugwelle, vom beständigen Passat vorangetrieben, der Passage zur Korosee entgegen. Dies ist die Einfahrt zu den Gewässern innerhalb der Riffs, die das Gebiet der Fijis umgeben. Es besteht aus ca. 300 Inseln, von denen nur 100 bewohnt sind. Malolo-lai-lai, eine der schönsten aller Inselchen, wie Insider uns erzählt hatten, hoben wir uns für Christian auf.
Der größte Yachttreff im südlichen Pazifik (bis zu 50 Yachten) ist, nach Papeete, American Samoa und Neiafu, die Hauptstadt Suva auf der Insel Viti Levu. Um uns von diesem Treck zu lösen, beschlossen wir, Levuka, die ehemalige Residenz auf der kleinen Insel Ovalau als Port of Entry anzulaufen. Hier kamen die wichtigen und gewichtigen Herren der Behörden in weißgezackten Wickelröcken mit blauen Blusen an Bord. Schon aus dem Beiboot schmetterten sie uns ihre traditionelle Begrüßungsformel, Bula, entgegen. Wir hatten diese gutgelaunten Fijianer vom ersten Augenblick an gern. Levuka hatte im vorigen Jahrhundert als Walfangstation eine große Bedeutung gehabt. Sie wuchs schnell zu einer zeitweise lärmenden Stadt heran, und die Geschichte erzählt, dass ein Schiff die Öffnung im Riff zur Durchfahrt ohne Lotsen finden konnte, wenn es nur den auf dem Wasser treibenden leeren Ginflaschen folgte. Uns zeigte sich die Ortschaft mit 1.400 Einwohnern sehr friedlich, und die Sehenswürdigkeiten waren bei unserem Bummel entlang der Uferpromenade schnell abgehakt. In dem Hotel “Old Capital Inn“ entdeckten wir ein Bild von Graf Luckner. Den alten Kolonialwarenladen der Firma Morris Hedstrom hatte man zu einem Museum umgebaut. Hier konnten wir gruselige Kultgegenstände, wie z. B. ehemalige Nahkampfwaffen, Keulen und Speere, Menschenfressergabeln und Schädelknacker, bestaunen, aber auch Bootsmodelle, Keramiken und Muscheln. – Neu erstanden war der Gemischtwarenladen von Hedstrom und bot uns, wie schon in West-Samoa und Tonga, eine kleine Möglichkeit des Reproviantierens. Wir wollten das Gebiet besuchen, das Captain Bligh vor ca. 200 Jahren nach der Meuterei auf der berühmten “Bounty“ mit seiner restlichen Crew im offenen Ruderboot durchsegelte. Obwohl die jagdeifrigen Kannibalen in Kriegskanus hinter ihnen her hetzten, waren sie schneller und konnten entkommen. Bligh fertigte während dieser Reise Skizzen von diesem Gebiet an und stellte sie der englischen Krone zur Verfügung. Uns dagegen standen genauere Navigationskarten und -mittel von diesem Bligh-Water zur Verfügung; der Ursprung aber ist auf diesen Entdecker und mutigen Mann zurückzuführen.
Wir hatten Kavawurzeln als Proviant an Bord. Wir wussten, wer als Besucher abgelegene Inseln aufsucht, sollte dem Chief (Häuptling) ein Wurzelpaket als Gastgeschenk überreichen. Die Wurzeln dieses Pfefferstrauches werden in ritueller Handlung in einem Riesenmörser zerkleinert. Das Pulver wird in einen Naturfasersack gegeben und dann mit Wasser aufgeschwemmt und ausgepresst, und zwar benötigt man für diesen Vorgang eine große Holzschale, die die Fijianer Tanoa nennen. Das Gebräu sieht wie Lehmwasser aus und schmeckt gediegen. Es wirkt stimulierend und in höheren Dosen leicht euphorisierend. Man sagt, es löst ruhige und friedliche Träume aus, aber sicher erst dann, wenn, wie bei den Fijianern, mehr Kava in den Adern fließt als Blut.
Schon in Rukuruku, einer zauberhaften Bucht auf der Insel Ovalau im Nordwesten gelegen, machten wir unsere erste Bekanntschaft mit einer fröhlichen Dorfgemeinschaft und einer ebenso ausgelassenen Kavarunde. Mit viel Gesang und Gitarrenmusik wurde das Grogtrinken (Grog=Kava, aber nicht Rumgrog) zum Vergnügen. Wir saßen mit ihnen auf ausgebreiteten Matten im Schneidersitz um die Kavaschale herum und klatschten einmal in die Hände, wenn man uns die Kokosnussschale mit der lehmfarbigen Flüssigkeit anbot, und dreimal, wenn wir die Schale zurückreichten. Wir hatten uns vorher nach dem Ablauf des Rituals erkundigt und zeigten ihnen damit, dass wir ihre Art zu leben kennen lernen und für die Zeit unseres Aufenthaltes am Dorfleben teilnehmen möchten. Wir blieben 8 Tage.
Schnell zogen auch wir ganz selbstverständlich unsere Schuhe aus, bevor wir eine Hütte betraten. Unser Schneidersitz wurde schon nach kurzer Zeit geübter, und wir vergaßen nie, dass die Fußsohlen nicht auf den Gegenüber zeigen durften. Dies wäre eine Beleidigung gewesen. Andere Gegenstände – wie Möbel – waren nicht im Raum. Gekocht wurde im Erdofen vor der Hütte. Mit Kokosnuss-Schalenresten entfachte man ein kräftiges Feuer in einer flachen Erdmulde. Granitsteine wurden darauf gepackt und erhitzt. Die Gargüter wurden in Bananen- oder Taroblätter gewickelt. Fisch, Muscheln und Gemüse wurden nicht gewürzt. Manchmal gab man etwas Kokosmilch obendrauf. Die Blätterpakete wurden in den Erdofen auf die heißen Steine gelegt, mit Palmenzweigen abgedeckt und nach Stunden serviert. Während des Wartens holten die Gastgeber frische Palmenzweige, legten diese auf Matten, auf die später das Essen gestellt wurde. Mit Wonne aßen wir dann in Wikingermanier. Zum Abschluss reichten Kinder mit Wasser gefüllte Muschelhälften zum Händewaschen herum.
Uns wurden die bewirtschafteten Ländereien gezeigt, die ausschließlich von den Männern des Dorfes in Gemeinschaft bepflanzt wurden. Die Frauen waren mit den üblichen Haushaltsaufgaben beschäftigt. Daneben webten oder flochten sie aus den verschiedenartigsten Blättern Matten, Taschen und Körbe. Auch das Angeln vom Strand aus war Sache der Frau. Hierbei standen sie hüfttief im Wasser und warfen gekonnt ihre Leinen mit dem Köder aus. Die Ernährungslage wurde so zusätzlich gesichert.
Wenn ich an Rukuruku denke, fallen mir die unzähligen lustigen Lieder ein, die die Dorfbewohner in ihrem Repertoire hatten. Am Abschiedsabend übertrafen sie sich allerdings mit vielen sentimentalen Songs, so dass das Abschiednehmen bei mir nicht ohne Tränen verlief. Die tropische Bucht, der traumhafte Sternenhimmel und Kuddel, der zur Abschiedsvorstellung rund und prall hinter den Bergen auftauchte, machten alles zu einem unvergessenen Erlebnis.
Die Insel Nangani war unser nächstes Ziel. Mit seinem Bündel Kava glich Peter einem sommerlichen Weihnachtsmann. Die herzliche Aufnahme erfolgte auch hier spontan. Peter bat den Chief, den Sprecher und zwei jugendliche Dorfpersönlichkeiten zu uns an Bord. Mit frisch gewaschenen bunten Wickelröcken erschienen sie abends pünktlich zur festgesetzten Zeit. John, der Chief, kletterte mit seinen 75 Jahren am schnellsten aus dem Kanu. Er bat, in der Kajüte sitzen zu dürfen. Hier könnte er besser nachvollziehen, welche Abenteuer wir auf dem Weg bis Nangani erlebt hatten. Er schloss während der Erzählung die Augen, und wir meinten des Öfteren, er schlafe. Mit Behagen trank er seinen Whisky und probierte meinen Papayakuchen. Er stellte ganz gezielte interessierte Fragen. Als sie von Christian hörten, meinten alle, wir müssten wiederkommen. Die jugendlichen Fijianer wollten mit ihm tauchen und ihm zeigen, wie Langusten und große Fische aufgespürt und gespeert werden. Außerdem sollte er von ihnen lernen, wie man sich mit einem Hai auseinandersetzt, und konnten nicht begreifen, dass seine Zeit so begrenzt sein sollte und man die Arbeit für so wichtig hält. Bei der für uns gegebenen Grogparty spielte John am nächsten Mittag meisterlich auf der Ukulele und sang dazu mit einer immer noch vollen Stimme. Leider entstand am nächsten Tag auf unserem Ankerplatz so viel Schwell, dass wir unsere Reise etwas vorgezogen fortsetzten.
Die Segeltour von Nangani nach Nana-Nu-Ira war für Peter ein nautischer Leckerbissen. Keine Seezeichen zeigten uns Riffe und gefährliche Untiefen an, sondern gutes Kartenmaterial, Radarabstände und vor allen Dingen ein guter Ausguck (ich) waren erforderlich, um alle Korallenpilze sicher zu umschiffen. Daneben wurden wir durch Stromschnellen und kappeliges Wasser vertrieben, so dass das Steuern des Bootes sehr viel Aufmerksamkeit erforderte.
In Nana-nu-i-Ra blieben wir 14 Tage. Wenn Ihr Euch zu Hause einen tropischen Strand vorstellt, dann sieht er so aus wie der auf dieser Insel, wo wir täglich lange Spaziergänge machten. Schnell waren wir in den Familien integriert, und Einladungen hin und her erfolgten. Charly, ein Fijianer, organisierte für uns eine Möglichkeit, mit dem Power-Boot zur Hauptinsel Viti-Levu zu kommen, um von dort eine Fahrt durch das Land zur indischen Stadt Rakiraki zu unternehmen.
Die Inder waren im vergangenen Jahrhundert von den englischen Kolonialherren als Plantagenarbeiter auf den Zuckerrohrfeldern ins Land geholt worden. Heute stellen sie mehr als die Hälfte der rund 700.000 Einwohner Fijis. Sie halten beinahe den gesamten Handel, Banken und das Geschäftswesen in der Hand. Nur Land können sie kraft Gesetz nicht kaufen. Als im April 1987 erstmals bei Wahlen eine von Indern dominierte Partei an die Macht kam, putschte das Militär. Doch der gefürchtete Rassenkonflikt erfolgte nicht. Die friedlichen und stets gutgelaunten Fijianer behielten ihr “big-smile“ und arrangierten sich mit ihren indischen Mitbürgern.
Am 26. September 1988 verließen wir mit einem kräftigen Passat diese Trauminsel. Unser Ziel waren die Nadi-Bay und der Airport. Mit Dunkelwerden erreichten wir Lautoka, die mit 28.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Fijis ist. Wir ankerten 0,3 sm entfernt vor einer Moschee und hörten in bestimmten Abständen den Muezzin rufen.
4 Wochen sahen wir keine einzige Yacht. Am nächsten Morgen passierten wir den Hafen und sahen viele unserer Mitstreiter vor Anker dümpeln. Peter steuerte die schwedische Yacht “Kami“ an, und Anders, der mit uns auf den Tuamotus unsere Ankunft in Polynesien gefeiert hatte, freute sich, uns gesund und munter wiederzusehen. Mit gestoppter Maschine gingen wir auf Rufweite und hörten seine Pläne.
Um zum Airport zu kommen, überlegten wir, brauchten wir ein Taxi. Um diese Möglichkeit bei Tag und Nacht zu haben, brauchten wir eine Hotelanlage. Das “Sheraton und Regent“ vor dem Lakuilau Island steuerten wir deshalb an. Kurz bevor wir den Anker stecken wollten, enterte uns ein Seeräuber. Arth von der holländischen Yacht “Helena-Christina“ umarmte uns. Wie waren wir glücklich, unsere “Familie“ wieder getroffen zu haben.
Hella und Arth luden abends zum Essen ein. Es gab Erbsensuppe. Einfach lecker. Trotz der Hitze hauten wir ordentlich rein. Mit an der Back saßen Margreth und Jörger von der amerikanischen Yacht “Asteroid“. Jörger ließ es sich nicht nehmen, einen Verdauungsschlaf zu halten. Sein Schnarchen aus der Achterkoje füllte die Kajüte mit Behaglichkeit. Wir hatten an diesem Abend zu früh auf Christians pünktliche Ankunft angestoßen. Erst Tage später, am 2. Oktober, konnten wir ihn endlich in die Arme schließen.
In der Wartezeit versuchten Yachties von anderen Booten mit allerlei Unternehmungen und Witz meine Zuversicht wieder aufzubauen, aber die kam erst aus dem Keller, als ich ihn wahrhaftig sah. Die 20 sm bis Malolo-lai-lai hatten wir am Ankunftstag schnell abgerissen. Eine Barbecue-Party am Strand erwartete uns. Hier lernte Christian die ganze “Bande“ kennen und hat Euch sicher darüber berichtet. Am 10. Oktober 1988 verließen wir zusammen mit der “Helena-Christina“ die malerische Bucht und steuerten etwas später durch die Öffnung des Riffs dem offenen Pazifik-Ozean entgegen.
1100 sm bis Opua/Neuseeland. Für Peter und mich eine fast gemütliche Segelei. Durch Christian hatten wir einen Wachgänger mehr. Eine große Entlastung für uns. Die Rossbreiten der südlichen Halbkugel brachten das an Wind, was wir erwartet hatten. Umlaufende Winde, mal mehr, mal weniger. Christian hätten wir gern einmal etwas unruhigeres Wetter gewünscht. Von unserer Ankunft in Neuseeland habe ich schon berichtet. Hinzufügen muss ich nur noch, wie schwer es uns gefallen ist, unseren Christian wieder auf Heimreise zu schicken.