Brasilien – Uruguay – Argentinien Zwischenstopp zu Weihnachten in Mar del Plata – Hartes “Segelvergnügen“ an der langen, schutzlosen Küste – Wiedersehensfeier mit anderen Yachties
6.1.1988 Mar del Plata
Hallo Ihr Lieben,
am 10.12. verließen wir das Schärengebiet Brasiliens in Porto Belo und nahmen Abschied vom TO-Leiter Roberto und seiner Frau, die uns aufmerksam schöne Tage bereitet hatten. 900 sm lagen vor uns und keine Möglichkeit, einen Hafen anzulaufen; denn die Küste bis Uruguay verläuft glatt und flach und bietet keinen Schlupfwinkel. Wettervorhersagen gibt es an der ganzen südamerikanischen Küste nicht, und da wir keine Funkstation an Bord haben, sind wir auf das Beobachten vieler kleiner Dinge, die zur meteorologischen Navigation gehören, besonders angewiesen. Um ausreichend Seeraum zum Treiben zu haben, blieben wir ca. 50 sm von der Küste entfernt. 3x lagen wir beigedreht und 2x trieben wir für Stunden vor Topp und Takel. Schwere Regenschauer jagten über die aufgewühlte grobe See, und die empfindliche Kälte, die mit dem Südwind aus der Antarktis peitschte, ließ uns zu unseren Faserpelzen greifen.
2 Nächte fegten Sommerpamperos über die La-Plata-Mündung, und wir steckten voll in diesem “Vergnügen“. Gewaltige Gewitter und Wind mit starken Böen machten uns das Leben schwer. 200 sm breit ist dieses Flussdelta, und der ungünstige West- oder Süd-Wind ließen keine Freude aufkommen. Im Handstreich holte sich Rasmus die Ariesholzwindfahne und knickte sie ab, riss ins Großsegel, von der 2. Reffnaht angefangen, ein ordentliches Stück ein und ließ mich, als ich rückwärts die Treppe nach unten wollte, ein Kabel aus der E-Steuerung reißen. Das Beidrehen wird zum steten Geschäft und Segelwechseln zum unangenehmen, meist nächtlichen Vergnügen.
Am 6. Tag dieses Segeltörns passierte es, dass sich beim Ausklicken des Spi-Baumes der Beschlag löste und ich mit meinem dicken Schädel den Fall des Baumes aufhielt. Blut spritzte und meine Augen füllten sich mit Salzigem. Ich fluchte, Wortfetzen wurden zu Peter getragen, der das Malheur sah und dachte, als Marktschreier auf dem Fischmarkt wäre sie gut zu gebrauchen. Der Baum gelascht, meine Wunde vom Skipper in Augenschein genommen und fachgerecht verarztet. Da es nur eine Platzwunde war, konnten wir schnell den Vorfall vergessen.
Als wir nach 8 Tagen, am 18. Dezember, um 21.00 Uhr in den Handelshafen von Mar del Plata/Argentinien einliefen und Peter mit sicherem Blick die Marina fand und ansteuerte, war alles Unangenehme schnell vergessen. Viele Menschen standen am Steg und winkten uns ein. Wenig später lagen wir mit Leinen vorne und achtern fest und hatten zu tun, die vielen Hände zu schütteln, und ihr Interesse an uns nahm kein Ende. Am nächsten Morgen bekamen wir unseren Liegeplatz zugewiesen. Nun sahen wir auch, dass mit uns eine weitere deutsche Yacht, 2 Franzosen und 1 Holländer Gäste dieses Clubs waren und wir unsere Segelfamilie erreicht hatten. Hände streckten sich uns entgegen. Vornamen registrierte mein Gehirn und helfende Yachties und Argentinier sorgten für Segelmacher, Autohelm-Werkstatt, und die “Bank von Holland“, die freundliche Hella, half mit Geld aus. Sie führte uns auch in den riesigen Supermarkt. Aus diesem Schlaraffenland besorgten wir erst einmal schöne große Steaks und köstliche frische Sachen. Die Kombüse blieb aber am Abend unbenutzt. Unsere alten Freunde und “Mitschnacker“ Roy und Theresa mit ihrer “Foxglove“ liefen um 18.00 Uhr ein, und die Wiedersehensfeier wurde an der großen Back im Clubhaus mit R&T und den anderen Yachties gefeiert. Wolfgang, ein Deutscher aus Berlin, der mit seiner argentinischen Frau hier in der Familie Urlaub machte, versuchte, uns wegzulotsen; aber er schaffte es nicht und blieb, von der Lebensfreude dieser Runde fasziniert, für viele Stunden bei uns sitzen.
Neben Geld und Proviant Besorgen sind es immer wieder Seekarten, die gekauft oder fotokopiert werden müssen, und die Geschäftigkeit zwischen den Yachties ist groß. Peter hat außerdem, genau wie die anderen Skipper, eine Menge Reparaturarbeiten durchzuführen; aber es ist wie in Schilksee. Viele Sehleute stehen an Land und brennen darauf, ein Gespräch zu führen, und wer lässt sich nicht gerne von der Arbeit abhalten!
Am Heiligabend wurde am Clubhaus der Grillplatz für eine “Asado“ vorbereitet. Der deutsche Einhandsegler, Walter aus Hamburg, der seit einem Jahr in Argentinien Land und Leute studierte, besorgte Fleisch und Würste für alle und zeichnete für das Gelingen dieses sommerlichen Grillabends verantwortlich. Theresa und ich bereiteten Salate und Nachtisch vor und die Männer Musik und Getränke. Uns fehlten die unterhaltsamen Holländer: Arth, der so gut Gitarre spielte und mit seiner Freddystimme immer für gute Stimmung im Hafen sorgte. Morgens waren sie mit ihren 2 Töchtern auf Südkurs gegangen. 3 Wochen hatten sie auf passenden Wind gewartet. Die Töchter, 12 und 8 Jahre alt, werden von der Mutter unterrichtet, und sprechen fließend Englisch, Spanisch und Deutsch. Seit 14 Jahren machen sie cruising, und Arth schafft die nötigen Moneten ran, indem er jedes Jahr für 4 Monate als Nautiker zur See fährt. Er ist wie Peter Kapitän mit großem Patent. Er hat sich aber schon mit 26 Jahren für dieses Zigeunerleben entschieden, und alle 4 machen einen sehr glücklichen Eindruck.
Am Abend lief dann die “Minnesota-Jane“ ein, und die beiden Amerikaner nahmen dankbar die Einladung zum Grillen an und luden dann die Runde zum 1. Weihnachtstag zur abendlichen Party ein. So vergehen die Tage im Fluge. Die Möglichkeiten, Tennis zu spielen, nutzten wir nicht, weil “Do mi nix“ im Moment das ist, was in der Königstraße die Küchenbar war: Kommunikationsplatz für viele. Die Helden sprachen von Kap Horn und können nicht verstehen, dass wir nicht vom südlichsten Punkt, der Stadt Ushuaia, Kap Horn ansteuern wollen, sondern dass wir den Weg durch die Magellanstraße nehmen, die sicher auch mannigfaltige Gefahren birgt; aber um jeden Preis dieses Cap sehen zu wollen, lehnt Peter ab und wählt dafür den direkten Weg in die Chile-Kanäle. Heute, am 28. Dezember, Hochzeitstag meiner Eltern, erfuhren wir Neues von unserer E-Steuerung. Man sagte: Vielleicht mañana (Morgen). Unser deutscher Tatendrang wird ordentlich zur Ruhe gezwungen. 10 Tennisplätze gehören zum Club, 2 Pools und viele andere Sportmöglichkeiten. Vilas ist hier trainiert worden und der alte 80-jährige Trainer ist noch täglich auf dem Tennisplatz. Mañana – Morgen gehe ich mit Peter in Urlaub und fange wieder an, Tennis zu spielen.
Ganz herzliche Grüße, Eure Elke und Euer Peter
Von Mar del Plata nach Punta Arenas (Argentinien) Instandsetzungsarbeiten und interessante Begegnungen – Warten auf Weihnachtspost – liebevolle Versorgung durch Froschmänner
5.2.1988 Punta Arenas
Ihr Lieben alle zusammen,
Mar del Plata, Argentiniens bekanntester Badeort, mit seinen endlos langen Badestränden und herrlicher Brandung, gutem sonnigen Klima und erträglicher Luftfeuchtigkeit, hat uns gutgetan und Strapazen vergessen lassen.
Wolfgang und seine argentinische Frau Chintia (sie Soziologin) haben uns sehr geholfen. Über diese beiden war es möglich, Euroschecks einzulösen. Sie boten sich, ohne viele Worte, als Bürgen an. Wir lernten ihre ganze Familie kennen, und besonders ihre Großmutter, eine 92-jährige Dame, die Anfang der 20er Jahre dorthin auswanderte, wusste lebhaft und interessant von dem großen Land mit seiner endlosen Pampa zu erzählen. Chintia stand ihrer Großmutter im Temperament in nichts nach, und häufig passierte es, dass sie Oma bat, nicht so lautstark zu erzählen. Die Enkelin, nun wieder in Deutschland wohnhaft, ist bei der Deutschen Entwicklungshilfe angestellt. Sie liebte es über alles, Diskussionen zu schüren und besonders Peter durch aggressive Äußerungen aus der Reserve zu locken. – Immer war es überaus informativ, und wir hörten eine Menge über Südamerika und seine Schwierigkeiten.
Zum Arbeiten oder Schreiben fanden wir beide kaum Zeit. Immer fanden sich Hafensehleute ein, die sich über das Woher und Wohin informieren wollten. Angelockt natürlich über die wehende Rheumaunterwäsche von Tante Alma und die zum Lüften in der herrlichen Sommersonne flatternden Unterhosen, Faserpelz und dicke Wollpullover, die schon von weither signalisierten, “Do mi nix“ will mit seiner Crew in den Winter. Dabei benötigten die Instandsetzungsarbeiten immer viel Einsatz. Peter musste Aries mit neuen Steuerleinen ausstaffieren, weil sich vom ständigen Arbeiten und schamfilte [?] Stellen gezeigt hatten. Auch die Schrickbänder mussten neu gezogen werden, und natürlich wurde alles von ihm gut abgeschmiert. Auch mein Ankerspill versorgte er mit einem Schuss Öl. Das Großsegel kam zurück, wurde neu angeschlagen und die Schoten und Fallen durchgesehen. Peter zog sich mit Fallstopp-Spezial in den Mast und kontrollierte oben alles auf seine Belastbarkeit.
Neben Arbeit und Hafenrees warteten wir auf unsere E-Steuerung. Carlos, Reeder einer großen Fischereiflotte, hatte alles in die Hand genommen, und für argentinische Verhältnisse lief alles reibungslos. Dass der Techniker von Autohelm Urlaub machte, darüber hatte sich keiner Gedanken gemacht und es auch nicht für so wichtig erachtet, Carlos und uns zu informieren. Man nahm an, dass auch die deutschen Segler eine Weihnachts- und Silvesterpause einlegten.
Nun, ich schrieb es, die neue E-Steuerung ist gekauft und arbeitet sehr gut. Irgendwo werden wir die alte wieder in Ordnung bringen lassen und haben dann Ersatz für alle Fälle.
Silvester liefen wir morgens um 11.00 Uhr aus. Viele Hände waren zu schütteln, und man wünschte uns viel Glück. Wieder einmal lagen 1000 sm vor uns und wie aus unseren Unterlagen und aus dem Buch von Jimmy Cornell “The World Cruising Routes“ zu entnehmen war, eine beschwerliche Strecke. Wir hatten am ersten Tag eine leichte Brise aus N und kamen voran, während Walter und die beiden amerikanischen Yachten in der Flaute lagen. Mitternacht hatten wir über UKW noch einmal Kontakt mit Walter, der wiederum über seine Funkstation mit “Foxglove“ und “Minnesota-Jane“. So war es möglich, auf unser aller Wohl anzustoßen und Grüße und Wünsche auszutauschen. Über unseren “Sony“ hörten wir dann die Vermittlung. Auf dieser vorher abgemachten Frequenz hörten wir dann täglich auf dieser “Micky-Maus-Welle“ ein endloses Palaver über die Auswertung der Daten aus dem “Minnesota-Wetterschreiber“ und mögliche Konsequenzen. Peter fand diese Hinweise nicht ausreichend. Das Wettergeschehen ändert sich hier blitzschnell. Die Tiefs sind auf einmal da. Ohne Fronten kommen sie angeprescht und bringen dann soviel Hack, dass alle anderen Winderlebnisse auf See in den Hintergrund tauchen und nur noch dieser harte W, S oder SW mit Stärken bis zu 9 Beaufort und mehr abzuwettern gelten oder aber zu versuchen, von einem Schlupfwinkel aus das Wetter zu beobachten. Wir notierten nach wie vor sehr korrekt alle 2 Stunden den Stand unseres Barometers und zeichneten auf, um so die Veränderungen schnell wahrzunehmen.
Außerdem – wie schon erwähnt – lernte ich von Peter immer mehr meteorologische Veränderungen der Gestirne wahrzunehmen. So z. B. das Funkeln der Sterne – in Liedern oft besungen – deutet schon stark auf eine Wetterveränderung hin. Sehr bekannt ist der Hof um Sonne oder Mond, der immer dann erscheint, wenn der Wettergott zürnen will. Wenn viel Tau gefallen war, wussten wir, dass die Flaute nicht auf sich warten ließ. Und nun sind wir beim Thema. Es gibt nur zwei Extreme: Flauten oder Sturm. Dazwischen nichts! Nur am ersten Tag der schwache Wind aus Nord, und als wir in die Magellanstraße hineinsegelten, bekamen wir als Wiedergutmachung 3 Windstärken aus Ost. Unglaublich! Anfangs glaubte ich schon, dem Wind hätte man alle Zähne gezogen und Ost-Wind sei angesagt. Denn, kaum losgesegelt, suchten wir nach 150 sm die Küste auf, um 24 Stunden vor Flaute zu liegen. –
In dem Gebiet zwischen Mar del Plata und der Magellanstraße findet der Segler viele Ankerbuchten, die zum Ausspannen einladen. Menschenleer erstreckt sich diese felsige Küste. Die Vegetation wird immer karger. Dagegen wird das Zusammenleben mit den Wassertieren immer enger. In der Jannsen Bay, die wir abends spät mit Radarhilfe ansteuerten und Anker steckten, um uns diesmal vor dem nahenden Wind zu schützen, nahmen wir in der Dunkelheit viele Tierlaute wahr, wussten sie aber nicht einzuordnen. Erst der kommende Morgen zeigte uns, wer Besitzer dieser Bucht war. Tausende von Pinguinen umschwammen unser Schiff und beäugten uns.
Ohne Scheu tauchten sie unter dem Schiff durch und suchten Nahrung, dicht an der Bordwand. Wir glaubten uns mit Pinguinen und Seelöwen allein. Nicht lange. Mit den Sonnenstrahlen kamen die Touristenbusse. Genau wie wir, bestaunten sie das Watscheln der Pinguinmütter zur 300 m vom Ufer entfernt liegenden Kinderstube, während Vater Pinguin am Ufer stand und lebhaft die neuesten Fangplätze durchhechelte, um dann mit vielen anderen gemeinsam ins Wasser zu steigen und sich den Magen vollzuschlagen. Die Seelöwen dagegen lagen auf einem Riff stundenlang in der Sonne und bewegten ihre fülligen Körper nur hin und wieder, krakelten oftmals fürchterlich, um dann wieder in sich zusammenzufallen und sonnenzubaden.
Die Tage waren immer sehr warm. Die Temperaturen bewegten sich im Schatten zwischen 20 und 25 Grad C. Leider konnten wir die Sonnenstrahlen nicht speichern, sondern waren in der Nacht angewiesen auf unseren „Kampfanzug“ von der Nordsee. Das Thermometer zeigte 5-8 Grad C an. Bitterkalt wurde das Schiff und noch unangenehmer die Koje. Gott sei Dank teilten wir uns sehr häufig meine Koje, so dass der Wachgänger immer brühwarm unter die Decke steigen konnte.
Die südamerikanische Küste hat uns keine Meile geschenkt, alles mussten wir uns hart erkämpfen. Wenn die drei Mitstreiter kurz ihre Rollfock und Rollgroß bedienten, mussten wir Rentner an Deck, um das entsprechende Segel zu setzen. Diese sportliche Ertüchtigung in der zweiten Lebenshälfte machte uns natürlich jung, und unsere Muskeln dehnten und spannten sich. Ein “Bodybuilding-Institut“ haben wir hier gratis. Nun, ich möchte Euch nicht langweilen mit stürmischen Segeltagen, vom Fallen des Barometers oder zu schnellem Steigen. Von Schlupfwinkeln, die nicht mehr zu erreichen waren, grünen Wellenbergen, die gallig aussahen und sich vor uns auftürmten, als wollten sie uns verschlingen. “Do mi nix“, mit der kleinen Sturmfock gesetzt und 3x gerefft, zeigte sich immer sehr seetüchtig und mein lieber Peter, als ein so erfahrener Seemann, umsichtig, ruhig, gelassen. Er versteht es, durch sein Beispiel an Unerschrockenheit, mir immer Mut zuzusprechen und aufkommende Angst zu vertreiben. Wir sind ein gutes Team geworden, und die Harmonie hat nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Wir machten zusammen Erfahrungen, die so einzigartig sind, dass jeder Tag neue Abenteuer bringt und darüber hinaus Höhen, die wahnsinnig sind. So kommen wir aus den Tiefs heraus wie der Wind auf der südlichen Halbkugel, schnell und ohne Fronten. Für jede erlebte Stunde sind wir dankbar, und mancher Wachwechsel wurde hinausgeschoben, weil Expressionisten dabei waren, mit vielen Farben den Himmel in eine Märchenwelt zu verzaubern.
Wenn ich nun von Porto Gallegos schreibe, dann nur, um Euch mitzuteilen, dass wir diesen Hafen angelaufen sind, um eventuelle Weihnacht spost abzuholen. Für Peter war das Ansteuern ein navigatorischer Leckerbissen.
Das Auflaufen des Wassers lief schon, als wir nach einer sehr flauen Nacht morgens den Fluss ansteuerten. Das Barometer zeigte uns schon etwas länger, dass Wind zu erwarten sei. Und so war es. Sturmstärke tobte aus dem Westen. Einzige Möglichkeit, überhaupt auf diesem River zu ankern, war denn auch noch Legerwall. 2 Anker steckten wir. Der Hauptanker trug 70 m Kette und der Zweite: Kette und lange Tampen.
5 Stunden lief die Maschine zur Unterstützung mit, und unser Radar stand auf stand-by, um uns laufend Kontrollen über unsere Position zu geben. Über UKW hatten wir uns in Gallegos angemeldet. Ricardo, ein junger 18-jähriger Soldat, fragte stündlich an, wie unsere Stimmung sei. Wir hatten nichts auszustehen, nur mit dem Wind waren wir nicht einverstanden, und als bei Tidenwechsel (9 m Tidenhub) der Sturm etwas nachließ, holten wir mühsam die Anker auf und gingen gegen den Wind mit auflaufendem Wasser Gallegos entgegen. Wir ankerten im Fahrwasser. Eine Pier gab es nicht. Nur zwei Möglichkeiten für Frachter, Container zu löschen. Die Schiffe fielen trocken, so dass ein Längsseitgehen nicht möglich war. 36 Stunden wütete der Sturm. Schutz hatten wir nicht. Mit ein wenig Phantasie könnt Ihr Euch die Bewegungen unseres Schiffes vorstellen. Ricardo war ab morgens am UKW-Gerät und überbrachte Grüße vom Club Nautico. Man hatte vor, uns Proviant zu bringen, sobald der Wind nachlassen würde. Abends spät, Peter, der bei dem schweren Wetter genügend Zeit ohne Schlaf verbrachte, hatte Freiwache, während ich versuchte, meine Konzentration auf ein Buch zu lenken. Plötzlich um 22.00 Uhr: Stimmen riefen “Do mi nix“, und schon war ich an Deck und Peter dazu. – Schlauchboot, 3 Froschmänner, Proviant und Diesel.
Stellt Euch vor: Der Präsident des Segelclubs, der Polizeikapitän dieser Stadt und natürlich Ricardo, Sohn eines Rechtsanwalts und als einziger Englisch sprechend. Umarmungen, Küsse, Einladungen. Wir waren überwältigt von dieser Aktion. 5 kg Brot, 60 Eier, 2 kg Filetsteak, 20 Apfelsinen und 2 kg Tomaten. Außerdem 50 l Diesel. Welche Hilfsbereitschaft für Fremde bei eisigen Wassertemperaturen. Ein Leben wie im Paradies waren die 60 sm bis zur Magellanstraße. Einmal haben wir noch geankert, hörten wieder den schrecklichen Gesang des Windes. Aus der Melodie hörte ich die vielen Janmaatenseelen klagen, die, über die Jahrhunderte hinweg, auf den Windjammern um Südamerika herumsegelten und ihr Leben ließen vor Hunger und Anstrengungen.
Am 18.1.88 Anker auf und mit – wie schon erwähnt – einem sehr seltenen Ostwind der Magellanstraße und dem “First Narrow“ entgegen. Argentinos vom Cap Virgenes ermahnten uns, einen Lotsen zu nehmen, weil das Gewässer zu schwierig sei. Da meldete sich aber schon Dungeness-Radio-Chile und hieß uns herzlich in den Gewässern ihres Landes willkommen. Seinem Kollegen von der anderen Seite der Grenze machte er klar, dass er zuzustimmen habe und für Yachten diese Anordnungen nicht gelten.
Eine große Aktivität herrscht auf dieser Straße. Erdölfunde haben zig Bohrinseln entstehen lassen, und eine stattliche Zahl von Schleppern liegt herum und wartet. Sie riefen “Do mi nix“, um uns Guten Tag zu sagen, oder aber weit vor uns liegende Schiffe hatten mitgehört und machten uns auf den herankommenden Wind aufmerksam, bedingt durch ein Gewitter. Andere forderten uns auf, Anker zu werfen und mit ihnen noch einen zu trinken. Sie wollten hören, woher wir kommen, wohin wir wollten. Wie lange unterwegs und wie viele Personen an Bord sind. Wir waren nicht mehr allein. Andere riefen nur kurz über UKW und sagten: Herzlich Willkommen in Chile. Einzigartig!
Bevor wir nun endlich Punta Arenas erreichten, mussten wir noch durch das zweite Öhr. Schwerer westlicher Wind machte es uns nicht so leicht. Mit dem Strom gingen wir durch die Stromschnellen, und zweimal drückte uns der Wind bis zur Saling auf die See. “Do mi nix“ und Peter als Steuermann haben es gepackt, und ich führte nur aus, was mein Skipper zu sagen hatte. Abends lagen wir auf der Nordseite der Stadt vor Anker und haben ein Fest gefeiert. Champagner, Marzipan von Oma und Filetsteak satt. Alles durcheinander. Geschlafen haben wir danach 12 Stunden. Bevor wir Anker hochhievten, haben wir uns trotz der eisigen Kälte im Cockpit abgeseift und danach unser Schiff aufgeklart. 3 sm waren es noch bis zum Hafen, und erst als ich die Pier entdeckte, wusste ich, dass die Stadt bestimmt mit einem guten Restaurant zum Essengehen aufzuwarten hat.
Neben einem Marinefahrzeug vertäuten wir das Schiff. Dieser Tanker wiederum lag neben einem polnischen Trawler. Hilfsbereitschaft hier und überall. Die Behörden zum ersten Mal nicht bürokratisch in Südamerika, und auch von dieser Stelle wünschte man uns einen guten Aufenthalt in ihrem Land. Abends tatsächlich großes Essen. Einen chilenischen Marinemann hatten wir eingeladen. José wollte sich mit Peter zusammensetzen und uns seine Karten von den Chilekanälen zum Fotokopieren überlassen.
Heute Mittag 2 Lotsen an Bord zum Whiskyempfang. Beide Herren lernten wir in diesem First-Class-Hotel kennen. Sie bringen gemeinsam ein Forschungsschiff aus Peru in den Süden. Dieses Schiff wurde mit deutschen Entwicklungsgeldern gebaut, und Rolf, der Ingenieur, konnte interessante Stories von diesem Projekt erzählen. Helga, eine deutsche Aussteigerin, wohl so 30 Jahre alt, war heute an Bord und fragte nach einer Passage irgendwohin. So ist am Ende der Welt das Leben so bunt und aufregend wie…
Vieles könnte ich noch von dieser Stadt berichten. 60.000 Menschen leben hier. Kalt ist es wie bei Euch um diese Zeit, nur bei Lee schafft es die Sonne, Wärme zu spenden. Allerdings ist es eine trockene Kälte. Regen kommt nur selten, und so ist Wasser knapp. Vom Marinefahrzeug aus wurden unsere Wasserbunker gefüllt. Öl schleppte Peter von der Tankstelle. Über die beiden Fahrzeuge musste es jeweils abgeseilt werden. Polen und Chilenen halfen eifrig mit. Proviant an Bord zu kriegen, war ebenso aufregend. Morgen soll der Wind nachlassen – hoffentlich –; wir wollen weiter in den Norden dem Sommer entgegen.