Von Salvador nach Rio Einklarieren in Salvador und Rio – Schäden am Schiff müssen repariert werden –Hochzeit der Wale – Bange Frage: “Wollen wir zurück?“
7.12.1987
Hallo, Ihr Lieben,
Salvador haben wir hinter uns gelassen und “Maria aus Bahia“ haben wir nicht kennen gelernt. Oma wird sich noch an den Schlager erinnern, der davon erzählt, dass die Dame so gerne Samba tanzt, und um diesen Tanz zu erlernen, gibt es überall in der Hauptstadt der Provinz Bahia Sambaschulen. Da ich keine große Tänzerin bin, fühlte ich mich nicht angesprochen, und außerdem war es uns viel zu heiß in dieser Tropenstadt.
Das Einklarieren in Salvador war eine Tagesarbeit. Viele Behördengänge waren notwendig, und lange Fragebögen mussten ausgefüllt werden. Keiner spricht Englisch, und Portugiesisch ist für uns beide eine Sprache, die sowohl aus dem Slawischen als auch aus dem Orientalischen kommen könnte. Peter hat sich durch diese böhmischen Wälder gearbeitet. Wir klarierten gleich mit aus, wussten inzwischen, dass das Liegen im Port of Entre für dann weitere 48 Stunden erlaubt ist, und hatten so genügend Zeit, uns die Großstadt anzusehen. Der portugiesische Einfluss wird besonders in der Altstadt sichtbar. Die Gebäude haben ein eigentümliches maurisches Gepräge. Herausragend natürlich die Kathedrale und der Residenzpalast des Gouverneurs. Diese Herren haben immer nur überall sich die schönsten Fleckchen genommen. Der Fotofreund könnte auf seine Kosten kommen, wenn er sich traute, seine Kamera mitzunehmen. Vor unseren Augen klauten jüngere Männer einem Touristen die Handtasche und einem Segelbekannten von der amerikanischen Yacht “Cloud“ Kamera, Geld und Pass. Vorher hat man den armen Bill zusammengeschlagen. Als wir am Abend auf dieser Yacht zur Cocktailparty geladen waren, feierten die Gäste sein neu geschenktes Leben. Erzählt wurde von Kennern dieses Landes, dass die Räuber in Salvador die Opfer “nur“ zusammenschlagen, während Rio- Gangster erst abmessern und dann rauben. – Nun sind wir in Rio, denken vorerst nicht an böse Buben, sondern genießen das Panorama dieser einzigartigen Stadt und die verschiedenen grünen Farbnuancen der Bergkulisse.
Abb. 13: Rio de Janeiro
Der Zuckerhut, das Merkmal der Bucht, war unsere Ansteuerungsmarke und, bevor der berühmte Berg und die Badestrände der Copacabana in eine Nebelwand verschwanden, erblickten wir die berühmte segnende Christusstatue vom Berg Corcovado.
Nun liegen wir in der Marina da Gloria mit Anker und Leinen an der Pier fest und – wie uns der Besitzer dieses Steges versicherte – ganz sicher. Rund um diesen Hafen sitzen Wachposten in ihren Häuschen mit Pistole im Halfter. 4 Wachposten beäugen den Eingang, und so fühlen wir beide uns gut beschützt. Auf dem Gelände ist ein sehr gutes Restaurant. Im “Barracuda“ haben wir nach 4 Wochen Seefahrt himmlisch gegessen. –
In Rio hatte Peter nach dem Einklarieren genug zu tun, alle Reparaturarbeiten in Gang zu setzen. Unser Radargerät arbeitete nicht mehr. Der Funkpeiler hatte am Geber eine Panne. Peter bediente das Gerät mit dem Schraubenzieher. Gott sei Dank ist er erfinderisch genug und konnte so die jeweilige Frequenz (aus der Seekarte zu entnehmen) einstellen. Der Motor vom Schlauchboot musste an Land. Salzwasser war dem Innenleben dieser Maschine nicht gut bekommen. In Salvador war es passiert, dass aus dem hinteren Lufttank des Schlauchbootes die Luft entwichen war und so der Motor unter Wasser geriet. Als wir vom Landgang kamen und dieses Malheur sahen, konnten wir nur noch fluchen. Diese unschönen Gefühlsäußerungen hörte ein holländischer Yachtie. Der bot sich an, seine Luftpumpe von seinem Schiff zu holen, und so konnten wir nach geraumer Zeit mit aufgepumptem Boot an Bord paddeln. Der Dutchman freute sich über unsere Einladung zum Abendbrot, und so endete der Tag trotz des Ärgers sehr nett. Er hatte für die Strecke Gran Canaria – Salvador 47 Tage benötigt und meinte, wir seien “fliegende Holländer“.
Wir segelten von Salvador nicht direkt nach Rio, sondern ankerten in zwei malerischen Buchten, um Schlaf nachzuholen und unser Schiff von Entenmuscheln und Seepocken zu befreien. Diese Parasiten haben sich an “Do mi nix“ gehängt, um eine schnelle Passage nach Brasilien zu genießen. Die letzten dieser Art sind dann im schmutzigen Hafenwasser von Rio abgestorben. Peter entfernt gerade im glasklaren Wasser in der Bucht der Ilha Grande, 60 sm westlich im Schärengebiet von Rio, den letzten Bewuchs.
Bevor ich näher auf diese Tropenbucht eingehe, möchte ich über die Ereignisse des 12. November berichten. Auf Opas Geburtstag also passierten wir nachmittags um 15.30 Uhr, keine 10 m von unserem Schiff entfernt, einen Wal. Da wir annehmen mussten, dass der Wal die internationalen Ausweichregeln nicht kennt, entlastete Peter “Aries“ und ging per Handruder dem Monster aus dem Weg. Weitere Beobachtungen danach ergaben, dass der Wal seine Gefährtin gefunden hatte und beide – als wir sie passierten – Hochzeit machten. Der Abschluss dieser Paarung war, dass die beiden 10 – 15 m langen Tiere ihre gewaltigen Massen bis zur Schwanzflosse senkrecht aus dem Wasser katapultierten, dabei leicht gegeneinander sprangen und dann im nassen Element untertauchten. Mit einer Riesenfontäne ging dieses Schauspiel zu Ende.
Am 12. November hatten wir – außer dem Walereignis – die Sonne im Zenit. Das bedeutet, dass die Sonne nun für uns im Norden steht, wenn wir unsere Mittagsbreite nehmen. Ich finde es wahnsinnig, wie genau uns die Gestirne den Weg zeigen und wir mit Hilfe des Sextanten neue Ufer erreichen. Natürlich gehört auch “Do mi nix“ dazu, das sich als zuverlässiges Schiff gezeigt hat, und nicht zu vergessen unsere “Aries“. Diese Windsteuerung ist als dritter Mann an Bord nicht mehr zu entbehren. Gerade wenn es hackt und Spritzwasser überkommt, zeigt er sich als eiserner Matrose. Starkwind mit 8 Bft mussten wir noch 80 sm vor Rio hinnehmen. Beigedreht lagen wir
4 Stunden in der See, und die Aussagen von “Wilhelm Schoner“ gingen mir durch den Kopf: “Beigedreht ging ich in meine Kajüte und rauchte eine Pfeife.“ Nun, Pfeife rauchen wir nicht, bestätigen kann ich, dass das Beidrehen eine ganz kommode Sache ist. Wir bestaunten aus dem Fenster die heranrollenden Wellenwalzen und fühlten uns im dicht geschotteten Schiff wohl. Ich hatte morgens Brot gebacken, und so nahmen wir statt Pfeife gut beschmierte Brote zum Imbiss und hofften, dass der Wind seine Kraft verlieren möge. Nach 4 Stunden konnten wir die Sturmfock setzen und segelten mit 2 Reffs im Groß bei westlichen Winden dem Morgen und Rio entgegen. Nachts war es empfindlich kalt und feucht gewesen. Während der 24 Tage der Atlantiküberquerung hatten wir nie so unangenehme Temperaturen gehabt. Vielleicht hatte auch unser Kreislauf mit den Klimaunterschieden der Tropen und Subtropen zu tun.
Jetzt liegen wir in der wunderschönen tropischen Bucht Das Palmas der Ilha Grande. Der Strand und die angrenzenden Ländereien gehören dem Peter Thürridl. Er ist ein Original, der unheimlich viel erlebt hat und sich diesen Platz am Rande des Dschungels urbar gemacht und eingerichtet hat. Wir genießen seine Gastfreundschaft und sind dankbar, dass wir seine privaten Einrichtungen, wie z. B. Dusche, Waschmaschine, Terrasse und Strand benutzen dürfen.
Quer zur anderen Seite der Insel, dem Südatlantik, baute er mit den indianischen Einwohnern eine Straße, die ein wichtiges “Verbindungsnetz“ zu den anderen Teilen dieses noch dünn besiedelten Gebietes ist. Eine Schule wurde von ihm errichtet, und so leistete er im Laufe dieser letzten 20 Jahre direkte Entwicklungshilfe. Jeden Abend der letzten Woche sind wir um 18.00 Uhr bei ihm auf der Terrasse zum Drink eingeladen und hören dann spannende Geschichten aus seinem bewegten Leben. Ein Wollaffe und ein Bluthund, der allerdings völlig harmlos ist, sind seine Haustiere.
Die vielen Kolibris, die sich trotz der lauten Erzählungen am Sitzplatz an den großen Hibiskusstrauch heranwagen, sind zu bestaunen und die Schwärme von Fregattvögeln, die lautlos über die Bucht segeln. Hoch oben auf dem Berg sieht man viele Geier, die nach Nahrung Ausschau halten, und ganz in der Nähe in den großen Fächerpalmen fangen “Meisen“ und Kakadus ein abendliches Konzert an. Im Gegensatz zum Geier brauchen wir nicht lange nach Nahrung zu suchen. Kokosnüsse, Bananen, Mango, Mandeln und Papaya sind überall zu pflücken und aufzusammeln. Der Überfluss von Bananen führte schon dazu, dass ich die Früchte zu Marmelade, Kuchen und Chutney verarbeiten konnte.
Es ist nicht leicht, eine solche paradiesische Bucht zu finden; denn überall bauen die Menschen an den Küsten Häuser bis zum Himmel, und ob das Meer alles, was man ihm zumutet, aufnehmen kann, mit diesen “Sturmfluten“ werden sich dann unsere Kinder und Enkelkinder auseinandersetzen müssen. Das Umweltbewusstsein unseres Landes hat sich weltweit noch nicht durchgesetzt.
Morgen heißt es: “Anker auf!“. Schweren Herzens trennen wir uns von dieser Traumbucht, die auch schon von Königin Sylvia und König Gustav, Dr. Lubinus und Harald Kittman aufgesucht wurde. Ihre Namen stehen – wie jetzt unsere – mit einem herzlichen Dankeschön im Gästebuch.
Vor uns liegt noch eine lange Segelstrecke, und wenn der Sommer Patagonien erreicht hat, möchten wir schon in den Startlöchern lauern, um eine gute Passage durch die Magellanstraße zu bekommen. Vorher werden wir noch Pta. Del Este besuchen. Diese Bucht wird auch Nizza Südamerikas genannt. Ein weiterer Ansteuerungspunkt wird das Naturschutzgebiet der Isla Valdés sein. Viele verschiedenartige Wale haben um diese Insel ihr Zuhause sowie Seelöwen und andere Seetiere der Südkugel, die wir kennen lernen möchten.
Nun heißt es von den Brasilianern Abschied zu nehmen. Viele freundliche Menschen haben wir kennen gelernt. Hilfsbereit und aufmerksam waren sie. Sogar die Polizei nahm uns einmal in Rio eine Wegstrecke in ihrem Polizeiwagen mit. Die Armut treibt viele junge Menschen in die Versuchung, schnell ein paar Crusados dem Besserverdienenden abzunehmen. Wir hoffen für dieses so reiche Land, dass die Lebensbedingungen für die große Masse der Bevölkerung sich in den nächsten Jahren verbessern möge. Noch existieren 20 verschiedene Slums um Rio und Umgebung, und 1/3 der Bevölkerung lebt dort vom Existenzminimum = 100,– DM. 35 % sind Analphabeten; aber jeder gibt sich selbstbewusst, wenn er ausdrücken will, dass eine Sache gut oder erledigt ist. Nicht OK, sondern er zeigt den Daumen hoch wie Nero. Diesen Gruß lernten wir schnell, und als alle Reparaturen gemacht waren, zeigten auch wir unseren Daumen hoch.
Herzliche Grüße von Elke und Peter
PS: An alle Freunde und an die Familie herzliche Weihnachtsgrüße!
Lieber Christian,
endlich konnten wir Dich erreichen und mit Dir sprechen. Mein Weihnachtsgeschenk habe ich also gehabt und bin so froh, Deine Stimme gehört zu haben, auch wenn sie sehr beherrscht und ohne Emotionen klang. Wir mussten die etwas spätere Stunde wählen, um sicher zu gehen, dass Du zu Hause bist. Unser Gastgeber, der Peter, konnte in Portugiesisch die Verbindung herstellen; denn die Stationen melden sich nicht, wenn eine Yacht in englischer Sprache versucht, Verbindung mit ihnen aufzunehmen.
Du erzähltest, dass die Kieler Nachrichten wieder etwas über uns veröffentlicht haben. Na, ich finde es nicht weiter bemerkenswert, bin eher erstaunt, dass da von Seiten der Bevölkerung Interesse an so alten Leuten, wie wir es sind, besteht. Es mag sein, dass es nicht alltäglich ist, dass ergraute Menschen so ein Unternehmen starten. Es sind immer junge Leute, meistens mit Kleinkindern, die von Europa starten, um hier oder anderswo Neues zu erleben. Alle haben Rollfocks und müssen nicht wie Dein Vater oder ich am Tage viele Male Segel wechseln. Na, es hält jung. Wie oft bewundere ich Euren Vater, der nie müde wird, die schweren Säcke über Deck zu wuchten, um immer mit einer optimalen Besegelung sein Schiff zu bestücken. Auch sein geduldiges Reparieren kaputtgegangener Einrichtungen oder seine Verbesserungen, überhaupt: seine Ausdauer und seine Energie! Ich bin immer mitgezogen worden von diesem Dynamo.
Die „Foxglove“ haben wir verloren. Sie sind in Salvador und Rio nicht angekommen. Wahrscheinlich haben nun sie ihre Route geändert. Die Segelyacht “Cloud“, mit der wir viel zusammen gelegen haben, geht erst einmal in die Antarktis zum Stützpunkt der Amis. Roger, der Besitzer, ist 59 Jahre alt und macht mit seinem 18 m langen Schiff sehr interessante Unternehmungen. Mit seinen 2 Söhnen ist er in 2 Jahren um die Welt gesegelt, hat dabei die Gefahrengebiete der Philippinen und des Chinesischen Meeres nur mit dem Maschinengewehr im Anschlag überlebt. Er ist Witwer, hat genug Geld und kann sich solche spektakulären Reisen ausdenken. Sein Bootsmann ist eine promovierte Mathematikerin (35) aus England. Bootsfrau wäre nicht richtig ausgedrückt. Ihre Erscheinung ist attraktiv und weiblich, ihre Tüchtigkeit und Kraft dagegen männlich. Sie ist nicht als Sexproviant an Bord, sondern bezahltes Crewmitglied. Mit Roy und T. hat sie letzten Winter in England mit dem Schiff an der Werft gelegen, und sie kann über alles viel erzählen. Wenn wir es schaffen, bis Gallegos zu kommen, werden wir zusammen Weihnachten feiern. Roger allerdings fährt für 14 Tage über die Festtage in die Staaten und bringt dann die neue Crew mit. Grüße bitte alle Freunde und die Familie ganz herzlich von uns. Frohe Weihnachten und een Johr to in Gesundheit.