Inhaltsverzeichnis
- 1. Zur Einführung
- 2. Kiel – Schottland
- 3. Schottland – Irland – Spanien
- 4. Spanien – Portugal
- 5. Portugal – Kanarische Inseln
- 6. Kanarische Inseln – Brasilien
- 7. Brasilien
- 8. Brasilien – Argentinien
- 9. Argentinien – Chile
- 10. Chile
- 11. Chile – Polynesien
- 12. Die Südsee und Neuseeland
- 13. Sechs Monate auf Neuseeland
- 14. Von Neuseeland nach Australien
- → 15. Durch den Indischen Ozean
- 16. Von Südafrika in die Karibik
- 17. Zurück in Kiel-Holtenau
- 18. Seemännische Begriffe
- 19. Schiffsausstattung
- 20. Flaschenpost
15. Durch den Indischen Ozean
Von Darwin über Cocos Island nach Christmas Island und weiter durch den Indischen Ozean
In Rekordzeit nach Rodriguez (Mauritius) und Reunion
Oktober 1989
Ihr Lieben,
nun waren wir fast 3 Monate in Südafrika, und ich habe in all der Zeit keine Gelegenheit gefunden, Euch die Fortsetzung unserer Reise von Darwin nach Christmas Island und weiter durch den Indischen Ozean zu erzählen. Halten wir uns also nicht allzu lange mit dem 1500sm-Törn zur Weihnachtsinsel auf, zumal der flaue Wind wenig Aufregendes brachte. Der Drifter zog “Do mi nix“ Tag für Tag langsam voran. “Aries“ streikte oft wegen mangelnder Brise. Dann musste “Otto“ ran, der dann auch prompt am Ende dieser Seereise durch Stöhnen und Ächzen seinen Missmut kundtat und bis Afrika in den Ruhestand versetzt wurde.Am 23. Juli 1989, früh am Morgen, erreichten wir beim ersten Gebet, das aus der nahen Moschee zu uns herüberklang, die Fish Cove vor Christmas Island. Mit uns zog beim Ankerfieren eine sehr dunkle Wolkenbank auf, die dann ziemlich schnell das brachte, worauf wir 12 Tage gewartet hatten: nämlich einen starken Wind. Diese Böe fegte mit einer Winddrehung von 180° einher, so dass unser Ankermanöver unter keinem guten Stern stand. Die sich sehr schnell aufbauende, kurze steile See, nun von See kommend, und der unangenehme Korallengrund ließen “Do mi nix“ ähnlich einem Fahrstuhl auf- und niedergehen. Dabei zog die noch nicht von mir gesicherte Ankerkette – wie der Blitz – die gesamte Kette aus dem Kasten und ruckte so stark ein, dass wenig später meine Winsch zweigeteilt dalag. Schwerstarbeit folgte nun, die 100 m- Kette und Anker über Hand heraufzuholen. Uns war nach diesem Morgentraining nicht nach einem Landgang zumute. Im Gegenteil. Der Skipper entschied, die Reise zum Cocos Keeling-Atoll fortzusetzen. Wenn wir doch blieben, so war es der Hafenkapitän dieser Insel, der uns zwei Festmachertonnen anbot. Er und seine Leute riefen es uns zu, als sie sich auf dem Weg machten, eine nur noch an einem Tampen hängende Yacht zu sichern. Nach dieser Aktion kam er noch einmal längsseits und lud uns für abends in den nahen Segelclub ein. Eine große Abschiedsparty stand an.
Auf Christmas Island werden – wie auf vielen Inseln im pazifischen Raum – Phosphat und andere Mineralien abgebaut. Die Insulaner, eingewanderte Malayen, Chinesen und Australier, sorgen für den Reichtum der Insel und des Mutterlandes Australien. Nun haben auch hier in der letzten Zeit immer mehr umweltbewusste Bürger ihren Unmut über die Zerstörung des Regenwaldes artikuliert. Hüter von Wildlife haben auf dieser einzigartigen Insel ihre Station errichtet und versuchen, durch gezielte Maßnahmen die Schäden zu reparieren. Noch wurde auf der Mine gearbeitet, aber viele Facharbeiter zogen weiter, anderen Plätzen auf dem Kontinent Australien und dem schnellen Geldverdienen entgegen. Diesen “Arbeitslosen“ gehörte der Abend. Wir vernahmen viel von Land und Leuten und den anstehenden Problemen. Sie waren glücklich, uns, ihren neuen Freunden, alle ihre Kümmernisse mitteilen zu können. Wir durften dann auch erzählen. Als sie von unserem Pech, der Ankerwinsch, hörten, stand wenig später das Ersatzstück auf dem Tisch. Vor 14 Tagen, so plauderten sie, war eine amerikanische Yacht in die Drift gegangen und auf den Korallenbänken kaputt geschlagen. Der Ami hatte dann seiner Versicherung den Totalschaden mitgeteilt. “Wat de een sien Uhl is, is de annern sien Nachtigall!“ Das dachten wir und nahmen dankend das gute Stück mit. Als sie nun gar von unserem Problem mit dem Ölkühler in der Maschine hörten, wurde wieder spontan Hilfe angeboten. “Stubbi“, der Exkommodore vom Club, sei der beste Schweißer der südlichen Hemisphäre.
Sich seinen Diensten zu entziehen, schien uns mehr als frevelhaft. Peter hatte zwar das Löchlein mit einem Dichtungsband repariert, und wir konnten den Motor bei niedrigen Umdrehungen zum Strommachen gebrauchen, aber die Aussicht, den Kühler total in Ordnung zu bekommen, war verlockend. Fazit der Geschichte: Der gute Stubbi kannte sich wohl doch nicht mit den verschiedenen Materialien, wie Blei und Stahl, so gut aus. Als wir nach 3 Tagen unser vormals gutes Stück wieder sahen, waren durch das Heißschweißen alle wichtigen Verbindungen kaputtgegangen und der Kühler glich nun einem Kunstwerk von Rafael Rheinsberg.
“Warum in die Luft gehen, genießt die Insel und habt eine schöne Zeit.“ Mit diesen Worten holte uns Peter, ein Angestellter von Wildlife, zu einer Inselrundfahrt ab. Im Landrover ging es durch den Regenwald. Aus unserer Erhöhung entdeckten wir viele nur auf dieser Insel heimische Tiere, wie z. B. die blauen und roten Landkrabben, die wie Staubsauger den Boden kehren und zu Tausenden sich über alles hermachen, was die Natur bietet, aber auch in ihrem Ordnungssinn vor Zivilisationsdreck nicht haltmachen. Er brachte uns zu Tempeln, Moscheen und verlassenen Ortschaften, die durch die Stilllegung nicht wirtschaftlicher Minen zu bizarren Ruinen geworden waren. Und immer wieder Seevögel, die wir von besonders geschützten Spots beobachten konnten. Boobies, Pelikane, Tölpel und die eleganten Fregattvögel, um nur einige zu nennen.
Unsere Entscheidung, wann wir fahren wollten, wurde von einem Frachter getroffen. Der sollte Phosphat laden, und wir mussten ihm die Festmachertonnen überlassen. Zum Abschied kam Stubbi mit einem Beutel Limonen, Peter mit Papayas, andere brachten noch Kokosnüsse, und viele schleppten Blumen an. Als die winkenden Freunde kleiner wurden und die Stimme des Muezzins von dem Minarett der Moschee immer schwächer klang, machten wir uns mit Pütz und Schrubber an die Arbeit, den fingerdicken gelben Phosphatstaub abzuwaschen.
Nach 3 Tagen hatte uns ein gleichmäßiger Tradewind die 530 sm bis vor Direction Island im Cocos Keeling-Atoll gepustet. Es war der 27. Juli und pünktlich mit Büroanfang lagen wir vor der gelben Q-Tonne. Wenig später kamen die australischen Beamten an Bord und ließen, nach dem Ausfüllen vieler Formulare, ein dickes Informationsblatt zur Kenntnisnahme zurück. Verhaltensmaßregeln für uns Yachties.Wir wussten, dass Australien das Atoll, bestehend aus unzähligen kleinen Inselchen und 3 Hauptinseln, Direction Island, Home Island und West Island, von der Familie Ross gekauft hatte. Der Vorbesitzer galt in Yachtkreisen als wenig gastfreundlich. Er lebt nach wie vor auf Home Island mit einer ausschließlich malaiischen Bevölkerung, Nachkommen derer, die sein Urahn für die Kobaltgewinnung dorthin geholt hatte. Glaube und Brauchtum durften nie gestört werden, und auch der neue Besitzer, der australische Staat, hat die Sorgepflicht für die Gemeinde übernommen. Auf West Island haben die Australier eine Militärbasis eingerichtet. Verständlich, dass sie auch Yachties nicht gerne sahen. Wir wagten es trotzdem und fuhren mit unserem Schlauchboot die 1 Seemeile bis Home Island. Von den Malayen wurden wir sehr freundlich empfangen. Mr. Ross entdeckte uns nicht. Mit einer Fähre fuhren wir dann nach West Island.
An diesem frühen Morgen, einem Dienstag, hatte das Flugzeug, vom Festland kommend, sein Füllhorn ausgeschüttet. Der Supermarkt war angefüllt mit frischen Sachen. Diese guten Dinge gingen aber nur über den Ladentisch, wenn nachweislich eine Woche vor Ankunft des Flugzeuges eine telefonische Bestellung beim Höker gemacht worden war. Die Damen der Insel hatten es gemacht, wir leider nicht!Die Lautstärke der Unterhaltung vor und in dem Supermarkt nahm zeitweise einen Dezibelwert an, der an fröhliche Tenniskaffeenachmittage erinnerte. Ansonsten war nur der Strand noch interessant, an dem wir schöne Muscheln fanden und unseren Spaß hatten mit den vor uns flüchtenden Einsiedlerkrebsen. Pünktlich holte uns die Fähre am Nachmittag ab und brachte uns die 8 sm zurück fast bis zum Schlauchboot. Während der 40-minütigen Überfahrt erzählten Insider uns Klatschgeschichten über den noch lebenden Mr. Ross und den cleveren Vorfahren, der sich seinen Besitzanspruch von der damals regierenden englischen Königin Victoria unterzeichnen ließ.
Die letzten 10 Tage blieben wir brav in unserer Lagune und genossen umso mehr die Abgeschiedenheit unserer kleinen Insel, die durch keine Bebauung eine Verschandelung erfahren hatte. Nur Kokosnussbäume wiegten sich im Passatwind. Für viele Fruchtratten waren sie Tummelplatz und Nahrungsquelle. Auf unserer täglichen zweistündigen Inselumwanderung trafen wir immer auf gackernde Hühner und einen stolzen Hahn, der neben seinen Haremspflichten es auch übernommen hatte, uns 14 Tage lang rechtzeitig bei Tagwerden aus der Falle zu holen; denn es war viel zu tun nach 6000 sm.
Die Gesamtstrecke von ca. 11.000 sm (unsere Route) zwischen Neuseeland und Südafrika muss in der Zeit zwischen Mai und November abgesegelt werden, weil danach wieder die Hurrikane auf der südlichen Halbkugel anfangen. Peter überprüfte – wie immer vor einem langen Törn – sehr gewissenhaft Rigg und das laufende Gut. “Aries“ wurde noch einmal auf Herz und Nieren überprüft. Unser neues Großsegel wurde angeschlagen und alle anderen 8 Segel sehr kritisch in Augenschein genommen. Es wurde geklebt und genäht. Peter nahm sich noch einmal seinen Motor vor. Mit einem Bypass schaltete er den Ölkühler aus. Wie nach einem Herzinfarkt konnte British Leyland nur für leichte Übungen, sprich Stromgewinnung, herangezogen werden. Der Müll wurde an Land in einer Tonne verbrannt. Die Dosen und Flaschen gaben wir in eine ausgehobene Kuhle. Sehr gute Idee! Der Hafenkapitän traute uns aber nicht. So machte er jeden Morgen der Müllentsorgungsstelle einen Besuch. War der Platz in Ordnung, bekam das für seine Ausklarierung nachgesuchte Schiff sein OK zum Auslaufen.
Der Abend gehörte dann der Geselligkeit. Wir lagen mit 7 Yachten in Lee vor Direction Island. Der gemeinsame tägliche Fischfang wurde abends am Grillplatz verzehrt. Wir waren immer eine wechselnde fröhliche Gemeinde, die nicht nur Spaß am Essen hatte und am Erzählen stürmischer Überfahrten, sondern sich beim Spiel “Talihoo“ die Bäuche hielt, obwohl nicht einmal ein “Fuchs“ zu fangen war. Besonders Kinder und solche, die wie ich immer Schwierigkeiten bei anspruchsvollen Spielen wie Skat und Doppelkopf hatten, fanden hier das richtige Niveau. Kurze Spielerklärung:
Die Teilnehmer sitzen im Kreis. Jeder Spieler schreibt auf einen kleinen Zettel den Namen einer prominenten internationalen Persönlichkeit, den er dann seinem Nachbar auf die Stirn klebt. Der Reihe nach müssen die Teilnehmer nun erraten, wer sie sind.
Durch raffinierte Fragen kann man schneller zum Ziel kommen.
Hat man falsch geraten, kommt der nächste Spieler dran.
Wer zuerst errät, wen er darstellt, ist der Gewinner.
Ich schloss meinen letzten Bericht mit der Aussicht, dass wir mit Langusten und Gitarrenmusik den letzten Abend zu verbringen hofften. Die Schalentiere waren – wie immer – nicht zu entdecken gewesen. Dafür brachten die schwedischen Segler einen King-Fisch mit, der die Basis für ein zünftiges Abschiedsessen war. Die Holländer kamen pünktlich. Sie brachten einen jungen Gast mit. Unser Freund Peter von Christmas Island hatte seinen 12-jährigen Sohn mitgeschickt. Die Insellehrerin hatte gemeint, dass der Unterricht auf der “Helena-Christina“ mit Sicherheit interessanter sei.
Am 14. August 1989 zogen wir die Segel hoch und verließen zusammen mit “Kami“ Direction Island und viele Freunde. Arth spielte zum Abschied noch einen zünftigen Shanty auf seinem Schifferklavier, und die Kinder riefen: “Wartet auf uns in Rodriguez“.Bevor uns die hohen Seen des Indischen Ozeans “verschluckten“, machten wir noch Fotos von Anders und seiner “Kami“. Er war ebenso wild dabei, “Do mi nix“ besonders gut auf die Platte zu kriegen.
Die über 2000 sm lange Reise bis nach Rodriguez, die jetzt folgte, war eine unserer schnellsten Fahrten, die wir je gemacht haben. Ein Durchschnitt von 7 Knoten brachte uns in 12 Tagen ans Ziel. Wer allerdings denkt, dass das nur Zuckerschlecken war, hat sich geirrt. Der Wind kam zwar immer aus dem achterlichen Quadranten, aber er steigerte sich häufig bis zu 8 und 9 Bft. Dabei jagten heftige Regenböen über die aufgewühlte See. Beim Segelreduzieren gingen wir nackt, nur mit Sicherheitsgurten bekleidet, an Deck, um dann mit größter Anstrengung die Segel zu bergen. Vier Tage segelten wir nur mit unserer kleinen Arbeitsfock, die uns ohne Schwierigkeiten auf Höchstgeschwindigkeit brachte, wobei wir unser bisher größtes Etmal erreichten und 204 sm in 24 Stunden zurücklegten. Oft kamen die hohen Wellenberge so bedrohlich auf uns zu, dass wir dachten, wir würden unter ihnen begraben werden. Aber unser Schiffchen schaffte es immer, sicher obendrauf zu bleiben. Manchmal, wenn “Do mi nix“ von einer Welle hart gepackt wurde, schüttelte sie sich kräftig, warf sich auf die Seite, und die Wassermassen liefen schäumend von ihr ab. Wir hatten in der Zeit alle Luken, Lüfter und Öffnungen wasserdicht verschlossen und konnten uns nur im Innern des Bootes aufhalten. Die Sicht war schlecht, was wiederum einen genaueren häufigeren Ausguck unsererseits notwendig machte. Allerdings, kein Schiff kreuzte unseren Weg. Die gewaltige Wasserwüste schien uns ganz allein zu gehören. Als dann Rodriguez in Sicht kam, waren wir glücklich, auch diese Seereise gut überstanden zu haben.Unser Abendbrotessen genossen wir schon in der “Blauen Lagune“. Henry, Besitzer und Koch einer aufpolierten Bretterbude, servierte das Beste aus seiner Küche: einen scharfen Curry und gartenfrischen Salat. In dieses ortsbeste Lokal hatte uns ein Italiener eingeladen, der seinen letzten Urlaubstag erlebte. Er stand an der Pier, als wir “Do mi nix“ vertäuten und er eine helfende Hand anbot. Als ehemaliger Schiffsarzt war es für ihn dann etwas Besonderes (seine Worte), mit uns im Cockpit zu sitzen und auf den Indischen Ozean und auf unsere schnelle und glatte Passage anzustoßen.
Die Inselhauptstadt Mathurin mit ihren schiefen kleinen Häuschen, der kleine, nur aus einer langen Pier bestehende Hafen, die freundlichen Menschen, die bunten Gemüsemärkte, all das war so richtig nach unsrem Geschmack. Wir genossen die 14 Tage in vollen Zügen. Wir frühstückten ohne Schaukelei mit legefrischen Eiern und frisch gepresstem Orangensaft. Was für ein Wohlstand. Abends kochte dann Henry ein einfaches Gericht, das wir in den Tagen darauf in einer immer größer werdenden Runde einnahmen. Die Cruising-Familie lag nach 10 Tagen wieder für den Rest der Zeit zusammen. Die Crew von “Bubblehull“, zwei junge Buaben aus der Schweiz, hatten schon einen vierwöchigen Erfahrungsschatz aufzuweisen. Sie waren es, die uns Tipps gaben, wo etwas zu besichtigen war. So fuhren wir mit einem Kleinbus über die Insel und besuchten Tropfsteinhöhlen und seltene “Baudenkmäler“.
Dann hieß es aber wieder, die Schiffe müssen seeklar gemacht werden. Besonders die Besatzung von Ørnen wurde gefordert. 2 Tage nähte Hogan sich die Finger wund, dann war auch das letzte morsche Segel wieder zusammengeflickt, und es stand nichts mehr im Wege, die Geburtstagsfeier für Anders auf dem geräumigen Deck des alten Fischkutters zu veranstalten. Mit Gesang und einer kleinen Ansprache unseres Hafenkapitäns, der in seiner Freizeit Laienprediger ist, bekam dieser Ehrentag eine stimmungsvolle Note. Der Kuchen schmeckte so richtig skandinavisch und wurde nur so verputzt. Einstimmig hieß es immer wieder: “could it be better?“ – nicht besser, das wussten wir alle.
Zum Erzählen bleibt aber noch Einiges. Der Frachter “Mauritius“ lief vollbeladen mit Proviant und Menschenfracht in den Hafen ein. Die ganze Inselbevölkerung gab sich an diesem Tag ein Stelldichein in der Nähe der Pier. Mit Musik, Fahnen und vielen Hochrufen wurden das Schiff und sein Inhalt begrüßt. Das Auslaufen des Schiffes war dann wenige Tage später genauso stimmungsvoll. Peter, an seine Zeit als Ladungsoffizier erinnert, blieb oft für Stunden als Zaungucker in der Nähe des Frachters und hatte seinen Spaß. Er erlebte hautnah mit, wie das Lebendvieh, in großen Fangstricken verzurrt, an Bord gehievt und im Laderaum und an Deck verstaut wurde. Kühe, Schweine, Schafe, Enten und Hühner fanden so den Weg nach “Übersee“. Aber auch die 190 Deckspassagiere, die mit ihren Bettmatten wie Auswanderer aussahen, bekamen ebenso ihren Platz zugewiesen. Ein buntes Bild, mit immer wechselnden Geschehnissen. Dazwischen, wie eine Figur des bekannten Zeichners Jan Sanders in Szene gesetzt, unser Hafenkapitän, der allen und jedem zurief: “pray the lord!“ Wie viel an Hoffnung und Träumen musste das Schiff außerdem noch mitnehmen, von denen, die auszogen, auf der Verwaltungsinsel Mauritius ihr Glück zu machen.José war ganz anderer Meinung. Er stammte von Mauritius. Er hatte dort als Halbinder keine Möglichkeit des Geldverdienens, weil, wie er sagte, das Kastensystem den Weg bestimmt, wer wo arbeiten darf. Durch die Heirat mit einer Rodriguezanerin fand er schnell seinen Broterwerb in Mathurin. Er ist Arbeiter in dem einzigen Fischkühlhaus am Ort. Bei unserer Suche nach Fischen oder Schalentieren kamen wir mit ihm ins Gespräch. Am nächsten Tag stand er mit einem Tintenfisch in meiner Kombüse. Der wurde nach einem alten indischen Rezept vor- und zubereitet. Könnte ich doch solche Genüsse speichern oder wie eine Akte ablegen, um Euch später davon servieren zu können. Schade!
Seine Frau überbrachte uns Grüße und die Einladung in ihr Haus. Sie selbst konnte, so meinte sie, als geachtete Bürgerin nicht an den Hafen gehen.
Große Ehre, wir waren uns dessen bewusst, und so ging es mit Hella, Arth und den Kindern dem Wellblechhaus am Hang entgegen. Die Kletterei war anstrengend, rutschig, ohne Stufen, manchmal gefährlicher als die See. Das Ausmaß ihres Hauses ist so groß wie “Do mi nix“. Grund und Boden waren vom Staat auf 49 Jahre gepachtet. Die Elektroversorgung funktionierte. Fernseher, Video, Kassettenrekorder, Kühl- und Gefrierschrank waren in Betrieb. Das Schwein, auch hier – wie in Polynesien – das liebste Haustier, guckte grunzend über die halbgeöffnete Haustür. Hühner und Enten suchten flüchtend vor uns die Büsche.José präparierte auch hier den Fisch und übernahm das Grillen draußen auf einem Rost. Seine Frau, ihre Mutter, Großmutter und die zwei Kinder übernahmen die Konversation. Alle drei Frauen hatten aus Anlass des Besuches die Lockenwickler im Haar behalten. Der gute Einfluss der USA mit lauter pädagogisch wertvollen Fernsehsendungen hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Es wurde viel geschwatzt. Der Hausherr genoss über alle Maßen unser Lob. Die vier Generationen munterten uns freudig auf, ordentlich zuzulangen. Gegessen wurde mit den Fingern, da durch die gekonnte Zubereitungsart ein Besteck völlig überflüssig wurde. Brot und Bier ergänzten die kulinarische Mahlzeit. “Could it be better?“ Nicht besser, aber ein I-Tüpfelchen bringe ich noch. Die Mutter, weit gereist, erzählte von ihrer Tochter, die in Holland lebt. Der Ehemann ist Kapitän. Er hat die braune Schöne durch seine regelmäßigen Fahrten zwischen Australien und Mauritius kennen- und liebengelernt. Dieser Schwiegersohn, das kristallisierte sich schnell heraus, hatte mit Arth die Seefahrtschule besucht und das Zimmer geteilt. Ist die Welt nicht klein?
Mauritius lass‘ uns mit wenigen Worten abhaken. Wichtig war für uns der Ölkühler, und der erreichte uns am 17. September in Port Louis, der Inselhauptstadt. Christian hatte vom Heimathafen aus die Weichen für eine prompte Lieferung gestellt. Es mussten aber noch von einem Fachmann neue Verbindungen gefertigt werden. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist eben alles auf Neuanschaffung aus, sogar die wertbeständigen Motoren aus England verändern nach einer bestimmten Zeit ihr Ersatzteilangebot.
Ende gut alles gut. Abends hatte Peter alles eingebaut, und der Motor lief wie neu überholt. Am nächsten Tag konnten wir die Segel hochziehen und Kurs absetzen nach Südafrika. Den schwarzen Rassismus hatten wir an vielen Plätzen auf der Insel angetroffen. Die Abneigung der “coloured people“ uns gegenüber trat häufig offen zutage. Was erwartete uns in Südafrika?Réunion, wir hatten nicht vor, die dritte der Mascarene Islands, eine Überseeprovinz Frankreichs, anzulaufen. Flaute zwang uns förmlich, unsere Pläne zu ändern und Südafrika warten zu lassen.
Wie überall auf der Welt, wenn Segler zusammensitzen, wird über Häfen und Länder erzählt und Schreckensbotschaften und amüsante Erlebnisse wechseln einander ab. Was Seemannsgarn ist, bleibt im Raum hängen. So auch über Réunion! Besonders der Hafen St. Pierre, der durch einen Hurrikan im März 1989 versandete und unpassierbar sei, kam oft in den Erzählungen vor. Für uns kam Port des Galets, die Hauptstadt, wegen der Distanz dahin nicht in Frage.
Mein Skipper, ein Herz und Mut für Abenteuer, wollte doch nur mal sehen, was an der Geschichte mit dem Versanden dran war. Die mit dem Fernglas auszumachenden Segelboote zeigten ihm, dann mir, dass auf jeden Fall – nun waren wir in der Nähe – ein Versuch zu wagen sei, den Hafen vorsichtig anzulaufen. Mit dem Richtfeuer kamen wir dann ganz langsam genau …… bis zur Versandung. Ein beherzter Schlauchbootfahrer holte uns schnell von der unbequemen Barre herunter und zeigte wild gestikulierend zur Mole zurück. Weiter brauchte er sich nicht zu mühen. Eric, Cruiser, Franzose, englisch sprechend, legte sein Ruderboot an unsere Bordwand und gab uns Lotsenhilfe bis zur Pier eines kleinen idyllischen Hafens.
Es stimmte, der Hafen war nicht passierbar, nur für Einheimische, so erzählte er abends, als wir Friede, Freude, Straßencafé, in einem solchen saßen und mit einem Schluck Wein und mehr auf seine Hilfe tranken. Welche Unterschiede in der Mentalität, was für ein Fluidum hatten dieser Ort und diese Insel mit ihrem bunten Völkergemisch.Der nächste Tag gehörte dann der Versorgung mit französischem Brot, Käse, Wein und einer Rarität für uns, geräuchertem Fleisch für eine deftige Erbsensuppe. Was für ein Luxus!!! Der Gemüsemarkt durfte nicht ausgelassen werden. Der von St. Pierre galt als besonders gepflegt und gut bestückt.
Von unserem breiten Norddeutsch angezogen, sprach uns eine sehr gepflegte, gut aussehende blonde junge Frau an. Cuxhavenerin, wie sich herausstellte. Durch die Heirat mit einem Franzosen nach Réunion verschlagen. Sie und ihr Mann luden uns für abends zum Essen in ihre Wohnung ein, und darüber hinaus boten sie uns für den nächsten Tag ihr Auto für eine Inselrundfahrt an. Die Welt steckt voller schöner Überraschungen. Nach vielen Monaten auf den Weltmeeren war es schon etwas ganz Besonderes, sich in kultivierter Gesellschaft am Esszimmertisch in einer gepflegten Umgebung wieder zu finden. Aber wie so oft im Leben. Dem viel zu Guten folgt oft eine böse Überraschung.Als wir nach diesem erfüllten Tag zur Pier kamen, staunten wir nicht schlecht über die enorme Schwell, die in den Hafen einlief. Die hohen aus dem Süden heranlaufenden Wellen tauchten Mole und Leuchtturm gischtschäumend unter Wasser. Wir hatten noch nicht unsere Beine über die Reling gesetzt, als eine Riesenflutwelle “Do mi nix“ fast auf die Pier setzte. Wir waren keine Minute zu früh gekommen, um unser Schiff zu retten. Mit Höchstleistung unserer Maschine (Gott sei Dank war sie wieder in Ordnung) konnten wir uns in die Mitte des kleinen Hafens verholen, wo wir nach einer langen Nacht mit harter Verankerungsarbeit unser Schiff in Sicherheit brachten. Diese Schreckensminuten, wie unsere “Do mi nix“ ein Spielball des Stromes wurde, durchlebte ich in den folgenden Tagen und Wochen noch oft, bis auch dieses Erlebnis seinen Platz in der Erinnerungskiste hatte. Die schönen Stunden aber mit Frauke, Frederic und der kleinen Lina tauchen von Zeit zu Zeit bei uns beiden als Sternschnuppen auf. Als wir am 26.9. die gefährliche Hafeneinfahrt von St. Pierre hinter uns hatten, atmeten wir beide erleichtert auf. Der freie Ozean gehörte uns wieder.
Die 1450 sm nach Richards Bay in Südafrika lagen vor uns. Da an der Südspitze von Madagaskar mit viel Gegenstrom zu rechnen war, setzten wir den Kurs etwa 100 sm südlich von dieser Küste, aber der konstante Passatwind hatte uns bald verlassen, und wir mussten uns schon am zweiten Tag mit starkem Gegenwind herumschlagen. Häufige Winddrehungen forderten viele Segelwechsel und die meistens in der Nacht. So manch einen Fluch gab es dann zu hören. An einem Tag waren wir 50 sm durch Strom zurückversetzt worden. Ein Umstand, der nicht besonders förderlich für die Bordstimmung war. Dabei hatten wir den unangenehmen Teil der Reise, das Passieren des starken Agulhas-Stromes, noch vor uns. In dem Gebiet kann sich eine enorme See aufbauen (bis zu 20 m Wellenhöhe), wenn ein Südweststurm gegen die Wassermassen, aus dem Mozambique-Kanal kommend, andrückt.
Einer deutschen Yacht, die etwa zwei Tage vor uns segelte, wurden dort Fenster und Luken eingeschlagen, und sie konnte sich nur mit Mühe in den sicheren Hafen retten. Wir hatten Glück und passierten diese windige Ecke mit achterlichem Wind, der uns dann bis zur Küste Südafrikas blies.
Am 7. Oktober 1989 liefen wir in Richards Bay ein, rechtzeitig, um ein riesiges Oktoberfest mit Schweinshaxen und Kraut im Yachtclub mitzufeiern. – Wir haben immer das Glück, am Wochenende unseren Landfall zu machen, so dass wir anstehende Feste miterleben können und dürfen. Und es folgten viele, aber davon später.
Heute möchten wir Euch allen ein gesundes Neues Jahr wünschen und herzlichen Dank für all die Post.
Eure Elke und Euer Peter
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